340 B. Referate. Anthropologie. Die Entartung der Kulturnationen beruht zum grössten Teil auf einer falschen Richtung der Kultur und im Übermaass angewandter Reizmittel. Natürliche Lebensweise, Abhärtungsmittel, Enthaltsamkeit, Verbesserung der Volkshygiene kann der Entartung entgegegenwirken. Dr. Kellner- Untergöltzsch. 378. W. Kruse: Entartung. Zeitschrift für Socialwissenschaft, 1903. Bd. VI, S. 359—376 und 411—434. K. wendet sich gegen die landläufigen Begriffe der Entartung, wie sie heute von vielen Anthropologen bei den meisten Kulturvölkern ange ­ nommen wird. Die Annahme einer Tendenz der Zivilisation, die Rasse zu verschlechtern, indem sie die natürliche Auslese im Kampfe ums Dasein be ­ schränke, lässt er nicht gelten; er führt aus der Völkerkunde die Busch ­ männer, Weddas, Australier, Lappen an, welche der natürlichen Auslese noch am meisten unterworfen wären, aber doch nicht die vollkommensten Vertreter der menschlichen Art darstellen. In ähnlicher Weise bestreitet er die vermeintlich üblen Folgen der „militärischen Auslese“, durch welche infolge der Kriege die Blüte der männlichen Jugend vorzeitig vernichtet werden solle, und führt die rasche Regeneration der männlichen Bevölkerung an, wie sie nach den völkermordenden Kriegen aus der französischen Revo ­ lutionszeit, zur Zeit des Napoleons I., sowie nach dem deutsch-französischen Kriege aufgetreten ist. Die Möglichkeit, auf theoretischem Wege zu end ­ gültigen Schlüssen zu gelangen, hält K. überhaupt als ausgeschlossen, da man es immer nur mit Möglichkeiten zu thun hat, aus welchen der eine Entartung, der andere Fortschritt folgert, und beide zum Teile Recht haben können. Als viel wichtiger hält er die Ergebnisse der statistischen Beob ­ achtung und zwar vorzugsweise solche über die Sterblichkeit. Aus den Sterblichkeitstabellen verschiedener Länder ergiebt sich, dass die Mortalität der Bevölkerung, mit Ausnahme des Säuglingsalters, erheblich abgenommen hat. In Preussen ist die Sterblichkeit vom J. 1875 bis 1899 in fast allen Altersklassen seit 20 Jahren um 10—40 Prozent gefallen. Dieser Umstand ist in erster Linie auf die Besserung der Lebensbedingen und auf die hygienischen Vorkehrungen zurückzuführen; es gilt dies besonders von den Infektionskrankheiten. Während in den Dreissigerjahren in Preussen auf je 10000 Einwohner noch 4,2 Prozent an Cholera, 2,6 an Pocken starben, sank in den Jahren 1890—1899 dieses Verhältnis bei der Cholera auf 0,05 Prozent, bei den Pocken auf 0,015 Prozent. Eine Ausnahme macht hiervon die Influenza. Aus dem Umstande, dass die Zahl der an Tuber ­ kulose, an allgemeinen Ernährungsstörungen, sowie an Organkrankheiten Verstorbener im Vergleiche zu den früheren Jahrzehnten nachweislich stets im Sinken begriffen ist, folgert K., dass man von einer Entartung des heutigen Menschengeschlechtes nicht schlechthin sprechen dürfe, dass hin ­