B. Referate. Anthropologie. 339 Während in diesem Falle ein von der Norm abweichendes Idioplasma, besonders wegen der ähnlichen Erkrankung der 3 Geschwister anzunehmen ist, trifft für den 2. Fall die Theorie von den abschnürenden Amnionfalten zu. Es handelt sich in diesem um ein Fehlen der 3 Phalangen der 3 mittleren Finger. Durch die Spalte zwischen Daumen und 5. Finger, welche ebenfalls Yerbildungen an sich tragen, wird die Hand in 2 Hälften geteilt. Am Daumen scheint eine seichte, an den Rändern etwas gewulstete Rinne auf einen embryonalen Amnionstrang hinzuweisen und so die Deformität als eine mechanisch verursachte zu beweisen. Irgendwelche Deformitäten sind in der Familie des im übrigen wohlgebildeten Mannes noch nicht vor ­ gekommen. £) r . Kellner-Untergöltzsch. 377. Sioli: Die Entartung des Menschengeschlechts und ihre Er ­ scheinungen. Die Umschau, 1903. Bd. VII, Nr. 1 u. 2. Entartung im allgemeinen ist Rückgang ganzer Generationen mit zu ­ nehmenden körperlichen Verbildungen und geistiger Schwächung mit der Eigenschaft der erblichen Übertragbarkeit. Sie entsteht durch Verkümmerung der inneren treibenden Kräfte oder durch Mangel an äusseren Hilfsmitteln, wie bei ganzen Völkern (Lappen, Negritos), so bei einzelnen Volksklassen (die irische Landbevölkerung, gewisse Arbeiterklassen in England). Diese Entartungszustände scheinen beim Umschwung der äusseren Verhältnisse assanierbar zu sein. Eine weitere Ursache der Entartung ist die Kultur ­ entwickelung. Ist diese aber notwendig mit Entartung verbunden oder wird letztere zufällige Begleiterscheinung? Die Naturvölker, welche bekanntlich bei Berührung mit hochkultivierten Völkern schnell untergehen, werden durch Infek ­ tionskrankheiten und Alkohol zu schnell dezimiert, als dass man von Entartung sprechen könnte. Auch bei dem rapiden Aussterben der Landbevölkerung, so ­ bald diese in die Grossstadt zieht, spielen zahlreiche Nebenfaktoren mit. Wie wir bei gewissen Haustieren sehen, dass einseitig geförderte Eigen ­ schaften und Fähigkeiten zur Entartung und zur Fortpflanzungsunfähigkeit führt (Rennpferd, Merinoschaf, gewisse Tauben- etc. Spezialitäten), so hat die Kultur und Hyperkultur gewisse Begleiterscheinungen: Verzärtelung, Widerstandslosigkeit (Unterliegen der alten Kulturvölker). Die mit höherer Kultur einhergehende grössere Konkurrenz lässt zahlreichere Reizmittel ver ­ langen, unter denen der Alkohol das schädlichste ist, die Entartung ver ­ ursacht oder für sie den Boden präpariert. Die äusseren Zeichen der nachlassenden schöpferischen Entwickelungs ­ kraft sind die Missbildungen. Der Unterschied zwischen zufälligen Bildungen, Rückbildungszeichen und Rückschlägen wird betont. Wichtig werden die Missbildungen beim Hinzutreten geistiger Schwäche. Die praktisch wichtigste Form der Entartung ist der Schwachsinn mit antisocialen Anlagen, aus dem ■das Verbrechertum erwächst. 22 :