A. Originalarbeiten. 265 Vielleicht noch mehr als die Gestalt der Idun ist die Gestalt der zaubermächtigen Königin im Märchen von Schneewittchen, die von einem Spiegel, der „die Wahrheit sagte“, sich Rede und Ant ­ wort stehen Hess, ein Zeugnis dessen, dass der Germane in alter Zeit von besonderer Kraft und Bedeutung des Spiegels wusste. Nicht minder beachtenswert erscheinen die dem Deutschen — wohl seit uralters — so geläufigen Worte „Vorspiegelung, Tugendspiegel, Fürstenspiegel, Sachsenspiegel, Schwabenspiegel“, und ausserdem treten verschiedene Berichte, die Grimm zu erstatten weiss, für die verschwundene Geltung unseres Putzgerätes ein. In Thüringen kann man das böse Gespenst, den Binsenschneider, umbringen, wenn man sich, mit einem Spiegel an der Brust, zu Johannis oder Trini ­ tatis, um die Zeit, wo die Sonne am höchsten steht, auf einen Ho ­ lunderstrauch setzt; kommt dann der Binsenschneider und sieht sein Bild im Spiegel, so muss er sterben. 1 ) Während der Lithauer sagt: „es ist nicht gut,“ eine Leiche so aufzubahren, dass sie im Spiegel zu sehen ist; denn der Tote steht auf und beschaut sich im Spiegel 1 2 ) — meint der Germane, dass ein Kind, welches noch nicht sprechen kann, durchaus nicht in einen Spiegel sehen dürfe; „es ist nicht gut.“ 3 ) Und der Germane ist es auch, der die merkwürdigste aller Spiegelsagen aufbewahrt hat, eine Tradition, die den Spiegel aufs deutlichste mit dem Fürsten der Magie in Verbindung setzt: „Wer nachts in einen Spiegel schaut, schaut den Teufel darin.“ 4 ) III. Stadt und Land II. Genealogie und Anthropologie. Von Dr. J. H. F. Kohlbrugge-Sidhoardjo (Java). Im ersten Heft des sechsten Jahrgangs brachte ich unter obigem Titel eine Anzahl Betrachtungen nach historisch-genealogischen That- sachen, aus denen meiner Überzeugung nach hervorging, dass das Stadtleben nicht einen so schlechten Einfluss auf seine Bewohner ausübt, wie manche Forscher heutigen Tags annehmen. Soweit mir bekannt geworden ist, wurde diese Deutung bisher noch nicht be ­ stritten, doch erhielt ich ein Schreiben von einem befreundeten 1) Grimm, Deutsche Mythologie. Göttingen 1835. S. 629. 2) ebenda „Aberglaube“ CXXV. 3) ebenda CLX. 4) ebenda LXXI.