A. Originalarbieten. 259 Stangen getragenen grossen Moskitonetz einherging, 1 ) so ist das allerdings eine Art von Baldachin, die schwerlich unseren Beifall hat; dennoch dürfte man nicht berechtigt sein, die Verwandtschaft dieses Moskitonetzes mit dem seidenen, goldstrotzenden Thronhimmel alexandrinischer Bräute 1 2 ) zu bestreiten. Sehr eigentümlich ist auch der Baldachin, den in Tunis die Sitte den Frauen, aber mit ganz besonderer Strenge deu Bräuten vorschreibt; sie müssen sich auf der Strasse derartig verhüllen, dass der mit weit ausgebreiteten Armen gehaltene Schleier vom Scheitel bis zu den Knieen in einer Weise herabfällt, die aufs lebhafteste an einen Baldachin erinnert. 3 ) Der Gedanke, dass über dem Haupte der Braut, zum mindesten in den entscheidenden Augenblicken ihres Daseins, eine baldachinartige Bedeckung schweben müsse, tritt ferner in einer Erzählung Gerst. äckers zu Tage. Derselbe teilt zunächst mit, dass, so oft im chinesischen Viertel von Batavia eine Hochzeit stattfindet, die Braut mit stets niedergeschlagenen Augen im Zuge schreitet; dann erzählt er, dass, als die diademgeschmückte Braut, die er selbst sah, im Begriffe war, in den Wagen, der sie zum Hause des Bräutigams bringen sollte, einzusteigen, zwei männliche Hochzeitsgäste auf sie zuschritten, um ein — Reissieb verkehrt über sie zu halten. 4 ) Oft genug wird der die Braut verdeckende Thronhimmel durch eine andere Art von Umhüllung ersetzt, die aber wiederum ein priesterliches Gepräge trägt; denn sie erinnert an die Kapuzen der Mönche oder Derwische, an das Schleiertuch mexikanischer und griechisch-katholischer Priester, an das verhüllte Haupt der des Götterspruches harrenden Auguren und an den mit verhülltem Haupte auf dem Karmel um Regen flehenden Elias. Bei Dithmarschen und Skandinaviern wurde das Gesicht der Braut so völlig mit einem Leintuche bedeckt, dass, wer sie ansehen wollte, sich unter das Linnen beugen musste. 5 6 ) Auf Sylt hatte die Braut das Gesicht und den Oberkörper mit einem Umhang zu verdecken, aus dem sie nur durch eine viereckige Öffnung heraussah. 0 ) ln Hessen, wo die Braut mit offenem, frei herabwallenden Haar das Haus des Bräutigams betrat, wurde ihr während der Fahrt auf dem Braut wagen ein weisses Tuch über den Kopf gehängt. 7 ) Während die lettische Sitte 1) Junker, Reisen in Afrika. Wien 1889. III 469. 2) Sepp a. a. 0. II 668. 3) Platz, Die Völker der Erde. Würzburg. 1. Aufl. IV 530. 4) Gerstäcker, Reisen. Stuttgart 1854. V 45. 5) Weinhold I 386; Klemm II 168. 6) Weinhold I 386. 7) Klemm II 175. 17*