208 ß. Referate. Ethnologie. Die flexivischen Sprachen streben, in fortschrittlicher Tendenz, mehr und mehr danach, die Wortstellung für grammatische Zwecke nutzbar zu machen. Ersatz der Flexion durch Wortstellung ist der Sieg geistiger Mittel über materielle. Das Englische ist anerkannter Maassen unter den indogermanischen Sprachen zur höchten Stufe der Entwicklung gelangt. Einmal vor vier ­ tausend Jahren mag aber der Chinese der höchste geistige Typus der Menschheit gewesen sein und dem entspricht seine Sprachentwickelung. „Unsere Sprachen werden dank der Lautschrift wohl nie mehr so weit kommen, wie das Chinesische schon damals war.“ Was die gesamte Sprachentwickelung anbetrifft, so ist das Chinesische durchaus nicht eine primitive Sprache. Gewiss gab es aber einen isolierenden Stand einer Sprache, wie es z. B. etwa das Araukanische darstellen würde, wenn wir die Kombinationen mit den untergeordneten Pronominalendungen und den eingeschobenen untergeordneten Hilfsverben hinwegdenken. Gewiss wäre eine solche Sprache nur ein höchst mangelhaftes Mittel des Gedanken ­ ausdrucks, aber es ist gang unmöglich, an die erste Sprachform der Menschheit Anforderungen zu stellen, wie wir sie bei den existierenden Sprachen er ­ füllt zu sehen gewohnt sind. Die Sprachen der Menschen (denn Sprach- bildung ist an verschiedenen Stellen der Erde unabhängig geschehen) haben sich zugleich mit dem Denken entwickelt. Auf dem angedeuteten Zustand der Isolation steht aber z. Z. keine einzige Sprache mehr. „Denn der Mensch, auch auf der niedrigsten uns bekannten Kulturstufe, sei es Papua oder Feuerländer, ist überall über den Zustand des unklaren Denkens und demgemäss über den Zustand des un ­ klaren Sprechens mit einer Sprache, die zwar Sinnwörter (oder Sinnwurzeln, das ist gleich) hatte, aber noch keine oder ungenügende Beziehungsworte, hinausgekommen. Dass dem so ist, darf uns nicht wunderbarer erscheinen als die Thatsache, dass es keine Menschen ohne Sprache giebt. Nicht die gesamte Sprachbildung, wie Schleicher meinte, liegt in vorhistorischer Zeit, sondern nur die Ausbildung der beziehungsfähigen Sprache, von da ab geht alles noch vor unseren Augen vor sich.“ Eine scharfe Drei- oder Vier ­ teilung sämtlicher Sprachen ist daher durchaus künstlich, denn alle die betr. Formen geben allmählich in einander über. Isolierung (im Sinne des Chinesischen) ist also einerseits das materielle Aufgehen des Formelements im Sinnwort und sein Ersatz durch immaterielle Stellungsgesetze und anderer ­ seits die völlig erhaltene materielle Trennung gewisser ursprünglicher Sinn ­ wörter, die zu leeren Formwörtern mit syntaktisch geregelter Stellung werden. Flexion die Untrennbarkeit, Agglutination die Trennbarkeit von Sinnwort und Formelement (Beziehungselement). Inkorporation oder Polysynthetismus die noch nicht vollzogene Loslösung der Sinn Wörter (Begriffsträger) des Ur ­ teils von einander und von den um sie herum verstreuten Beziehungs ­ elementen.