Uri besonderer Herüeksrchtrgung der Anthropologie und Ethnologie. B e g r ü n d e t von Karl A n d r e e. In Verbindung mit Fachmännern herausgegeben von Dr. Richard Kiepert. Braunschweig Jährlich 2 Bände ä 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Postanstalten zum Preise von 12 Mark pro Band zu beziehen. 1887 . Desire Charnay's jüngste Expedition nach Uucatan. V. (Schluß.) (Sämmtliche Abbildungen nach Photographien.^ Am nächsten Morgen unternahm Charnay mit einigen Begleitern einen Ausflug durch die Insel Jaina, um sich einen Ueberblick über dieselbe zu verschaffen, und photographirte einige landschaftliche Ansichten. Jaina liegt, wie gesagt, etwa 32 km nördlich von CamPeche und gilt bei den Ein ­ wohnern, ebenso wie die noch 12 km nördlicher gelegene Isla de Piedras, für eine künstliche Schöpfung, was falsch ist; bei näherem Zusehen ergiebt sich, daß die Basis der Insel wie von ganz Pucatan Kalk ist. Jai'na ist 3 km lang und etwa 800 m breit; ein Kanal von 80 bis 100 m Breite, der bei Ebbe trocken liegt, trennt sie vom Festlande. In denselben ergießt sich der Bach Sacpool, d. h. Bach des weißen Kopfes, so genannt, weil er über weißen Kalkstein fließt. Auf dieser angeblich so fruchtbaren Insel wird aber gar nichts gebaut, da die Eingeborenen, durch wiederholtes Erscheinen der Heuschrecken entmnthigt, von jedem Landbau Abstand genommen haben. Sie beschäftigen sich damit, ans dem Festlande Brennholz zu schlagen, dasselbe ans Jaina anzusammeln und es in Canoas nach Campeche zu führen. Wie der ganze Norden Pucatans, wo die Indianer Cisternen bauten oder das Wasser der Cenotes benutzten, fehlt es auch Jaina an süßem Wasser; zwar entspringt etwa 30 m vom Ufer eine Quelle unter der Meeresoberfläche, eine an den Küsten Pucatans öfter vorkommende Erscheinung, und man hat auch versucht, dieselbe in einem ausgehöhlten Palm ­ stamme zu fassen; aber ihr Wasser vermischt sich mit dem ­ jenigen des Meeres und wird brackig, so daß Charnay während seines Aufenthaltes ans die Milch von Kokosnüssen angewiesen war. Globus UI. Nr. 17. In der ersten Zeit der toltekischen Eroberung muß Jai'na ein heiliger Ort gewesen sein, wohin die Pilger von allen Seiten her zusammenströmten; denn sie umschließt vier- große und acht kleine Pyramiden, welche einst ebenso viele Paläste und Tempel getragen haben. Daraus, daß die Historiker von denselben nichts berichten, möchte Charnay schließen, daß sie älter waren, als die ähnlichen Bauwerke von Jzamal, Chichen-itza und Cozumel, und, durch letztere verdrängt, in Vergessenheit geriethen, ans der Mode kamen. Außerdem aber diente die Insel als Begräbnißplatz, und wenn man nach der zahllosen Menge dort gefundener Gräber, der von Charnay entdeckten Masse von Knochen und nach den Tausenden von Vasen, Idolen, Terracotten, Statuetten und sonstigen Alterthümern, welche man dort gesammelt und entweder zerbrochen oder nach allen Seiten hin verkauft hat, schließen darf, so sind einst Leichen von weither dorthin ge ­ schafft worden. Jene Ueberreste werden an der östlichen und nördlichen Küste der Insel meist bei starkem Seegange bloßgelegt, welcher freilich zugleich dazu beiträgt, dieselben zu zerstören, so daß die Indianer, wenn wieder Ruhe einge ­ treten ist, immer nur einen Theil der bloßgelegten Stücke, der von den Wogen verschont worden ist, sammeln können. So gleicht das ganze Ufer nur einem großen Haufen von Muscheln und Terracottascherben. Es giebt das auch einen Beweis dafür ab, daß das Meer früher nicht so weit reichte und schon viel von der Insel abgespült hat. Charnay selbst fand denn auch die meisten seiner Alterthümer im Meere. Er begann seine Arbeiten am Strande unweit seiner Wohnung, wo man schon früher Gräber entdeckt hatte; es 33