256 Aus allen Erdtheilen. minister in Victoria darüber berathen, ob es zweckmäßig sei, burd) Staatsunterstützung zu Südpolnrforschuugcu zu er- muntern, und haben vorgeschlagen, daß zu diesem Zwecke 10 000 Pfd. St. bewilligt würden. Der Premierminister in Victoria hat auch zugestimmt, eine solche Bewilligung ins Budget aufzunehmen, unter der Voraussetzung, daß die übrigen Kolonien an dem Unternehmen sich zu betheiligeu bereit sind. Genannte wissenschaftliche Gesellschaften haben ferner vor ­ geschlagen, daß man Schiffsbesitzer auffordern solle, geeignete Schiffe zu dem angegebenen Zwecke zur Verfügung zu stellen. Die Bedingungen für die Annahme einer solchen Offerte sollen sein, daß jedes Schiff die nöthigen Bequemlichkeiten für zwei Gelehrte darbietet und daß die Schiffskapitäne auf alle Weise ihren Wünschen bezüglich der Anstellung wissen ­ schaftlicher Untersuchungen entgegenkommen. Die den Schiffs ­ besitzern zu gewährenden Entschädigungen sollen sehr annehm ­ bar sein und außerdem will man noch eine Prämie demjenigen Schiffe gewähren, das über 70° südl. Br. vordringt. Es sind zlvei Schiffe erforderlich, die aur 15. Ok ­ tober in Port Philip Bay zum Absegeln bereit liegen müssen. Der Zweck der Expedition soll die Kartirung von Küsteu- strecken unb Inseln innerhalb des antarktischen Kreises sein, welche in den Karten der Admiralität noch nicht enthalten sind, ferner die Aufsuchung neuer Wasserwege nach dem Süd ­ pol und geeigneter Häfen zur Uebcrwinterung, die Anstellttug wiffenschaftlicher Untersuchungen betreffend Meteorologie, Erdmagnetismus rc. In England hat man die Nachricht über die beabsichtigte Expedition mit Sympathie aufgenommen. Vermischtes. — Die in den letzten Jahren so häufig eingetretenen Erd ­ beben und Erdrevolutionen haben mehr als je das Interesse des großen Publikums für die Geologie geweckt, welche in Prof. Dr. Melchior Neumayr wohl zum ersten Male einen Interpreten gefunden hat, der es unbeschadet aller Wissen ­ schaftlichkeit versteht, sie in einer jedem Gebildeten verständ ­ lichen und ihn fesselnden Form vorzutragen. Von seiner „Erdgeschichte" (Leipzig, Bibliographisches Institut) liegt jetzt der prachtvoll ausgestattete zweite (Schluß-) Band vor, der die geschichtliche Entwickelung des Erdinneren und den jetzigen Bau der einzelnen Länder der Erde schildert. Durch die geistvolle und leicht verständliche Darstellung ist das Buch vortrefflich geeignet, geologische Kenntnisse in weitere Kreise zu tragen, nicht minder durch die zahlreichen, mit größter Sachkenntniß ausgewählten Textfiguren und die farbigen Tafeln und Karten. Es sei unseren Lesern aufs Beste empfohlen. — In Nr. 122 der vom Deutschen Vereine zur Ver ­ breitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag herausgegebenen „Sammlung gemeinnütziger Vorträge" behandelt Dr. Georg Müller-Frauenstein in fesselnder Weise die Frage: „Wie malen sich die Naturvölker den Anfang und das Ende der Menschen aus?" Wir geben hier kurz seine Resultate, indem wir wegen des Einzelnen auf die Abhandlung selbst verweisen. Die bei weitem meisten Völker stimmen mit der biblischen Erzählung überein, daß der Schooß der heiligen Mutter Erde im wörtlichen Sinne auch die Wiege des Menschengeschlechtes sei, und zwar suchen sie den Ort im Allgemeinen in ihrer eigenen Heimath. Hohe Berge oder Höhlen sind gewöhnlich die Ausgangspunkte. Die Herero aber, manche Kaffern, besonders aber amerikanische Stämme (Arawaks, Iurakarecr) und die Polynesier lassen die ersten Menschen aus Bäumen oder doch Pflanzen hervorgegangen sein; Anklänge an diesen Glauben finden sich auch in der Edda, bei den alten Persern und Griechen, sowie bei den Birmanen. Vielfach wird auch den Affen, wohl ihrer Menschenähnlichkeit wegen, die Ehre zugetheilt, unsere Stamm- vüter zu sein, so namentlich in Vorder- und Hinterindien, sowie in dem von indisch-buddhistischen Ideen erfüllten Tibet; anderswo gelten Ameisen, Schlangen, Krokodile, Fische, Hunde, Wölfe, Hyänen, Raben als Urväter des Menschengeschlechtes. Hier hat wahrscheinlich deren religiöse Verehrung den Ge ­ danken, sie seien die Schöpfer der Menschen, erst erzeugt; ähnlich bei den Bewohnern der Urwälder, die nichts Ge ­ waltigeres und Nützlicheres kennen, als die Riesenstämme, denen sie so oft ihre Nahrung und Wohnung verdanken, welche sie deshalb göttlich verehren und von denen sie daun auch ihren eigenen Stammbaum ableiten. Die Thatsache schließlich, daß der menschliche Körper in Staub zerfällt, legt den Ge ­ danken wie keinen anderen nahe, daß er auch daraus hervor ­ gegangen sei. Der Naturmensch hält daran fest, daß der Körper nach dem Tode vergeht, und strebt nur in seltenen Ausnahmefällen danach, ihn zu erhalten für die Zeit der Rückkehr des Geistes. Daß letzterer nicht vergeht, sondern unsterblich ist, diese Hoffnung begleitet den Natur-, ebenso wie den Kulturmenschen durch das Leben. Es läßt sich das heute bei dem massenhaft gewachsenen Material sicherer be ­ haupten als früher. Die Leugner des Unsterblichkeitsglanbens, denen ein Leben im Jenseits eine Utopie ist, sind bei den Kultur- und ebenso bei den Naturvölkern durchaus vereinzelt; sie sind nicht etwa die Träger, sondern die Verächter des Volksglaubens. Unbezweifclte Anhänger dieses Glaubens sind die amerikanischen Urbewohner, die Polynesier, die meisten Papuas und Kontinental-Australier, dieDravidas, die asiati ­ schen Malayen und Mongolen, die wollhaarigen Kap-Völker, die Bantu- und Sudanneger und natürlich die Kaukasier. Am mittleren Congo, am oberen Nil und vielleicht auf den östlich von Neuguinea gelegenen Inselgruppen allein ist er mit Sicherheit nicht nachzuweisen. Doch geben auch da alle genauer erforschten Völker, welche mit den dort wohnenden verwandt sind, durch ihren Ahneudienst zu der Hoffnung Au ­ laß, daß hier nur uoch längere Beobachtung nöthig ist, um die Regel zu einer ausnahmslosen zu machen. — In einer tut Verlage von I. Springer in Berlin als Sottderabdruck aus dem Archiv für Post und Telegraphie erschienenen Schrift, betitelt: „ L a u d k a r t e n, ihre H e r- stellung und ihre Fehlergrenzen" unternimmt Geh. Rcchnungsrath H. Struve, in einer dem ursprünglichen Publikationsortc entsprechenden Weise eine populäre Dar ­ stellung der theoretischen tvie praktischen Arbeiten zu geben, mit denen der Kartograph, wie dessen Vorarbeiter, der Topo ­ graph, zu thun haben. Dem Laien, welcher nur einen Ein ­ blick in diese Arbeiten thun will und sich um das Wie und Warum nicht weiter kümmert, ist daher die vorliegende Schrift zu empfehlen und nützlich, für den Fachmann aber ist dieselbe wohl kaum ein Ersatz für die verschiedenen vorhandenen Lehrbücher, mögen dieselben nun den praktischen oder den theoretischen Gesichtspunkt mehr int Auge haben. Allein diesen Ersatz zu bieten hat ja der Verfasser auch nicht beabsichtigt. Inhalt: Düstre Charnay's jüngste Expedition nach Yucatan. IV. (Mit drei Abbildungen.) — Dr. H. Simroth: Aus ­ flüge nach der Westhälfte von San Miguel (Azoren). II. (Schluß.) (Mit drei Abbildungen.) — Das Schamanenthum unter den Burjaten. 1. Die Götter und die Gottheiten. — Aus allen Erdtheilen: Europa. — Asien. — Afrika. — Südamerika. — Polargebiete. — Vermischtes. (Schluß der Redaktion ant 27. September 1887.) Redakteur: Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Lindcnstraßc 11, III Tr. Druck und Verlag von Friedrich View cg und Sohn in Braunschweig.