176 Aus allen Erdtheilen. theilung der aus Erde ohne Steine und Balkenlagen errichteten Burgwalle, welche der Verfasser den Slaven zuschreibt. In den Kurganen unterscheidet er drei verschiedene Rassen, Dolichocephalen, wahrscheinlich Ugrer aus vorhistorischer Zeit, Brachycephalen, wahrscheinlich den Westfinnen, Vessen, Mera und Muroma zuzurechnen und damit vergesellschaftet die Aschenurnen slavischer Haudelskolonien. Die interessanten Zusammenstellungen über die damaligen Handelsstraßen haben wir an anderer Stelle (s. oben S. 111) eingehender gegeben. — Die Heimath der Ungarn sucht Piß im Wolgabecken; ihre Wanderung nach Südwesten begann um 840 n. Chr., 889 gingen sie über den Dniepr, 894 brachen sic, wahrscheinlich iiber die nördlichen Karpathen, zum ersten Male in Pannonien ein, die bleibende Ansiedelung datirt von 900. Ihre Wan ­ derung wurde wahrscheinlich durch einen Einbruch der Pe- tschenegen hervorgerufen, hinter denen wieder die Kumanen drängten; sie wandten sich erst nach den Karpathen, als sie in dem mit den Byzantinern gemeinsam unternommenen An ­ griff ans die Bulgaren von Symeon eine schwere Niederlage erlitten hatten. Ko. — Der bekannte Reisende, Kapitän der italienischen Marine, Giacomo Bovc, hat sich am 9. August 1887 bei Verona in einem Fieberanfalle erschossen.- Er war geboren 1852 in Maranzana in der Provinz Acqui, begleitete schon als Jüngling den Ingenieur Giordoue nach Borneo und Japan und wurde bekannt durch seine Theilnahme an Rorden- skjöld's Umsegelung von Asien auf der „Bega" (1878 bis 1879), während welcher er die hydrographischen Arbeiten ausführte. Rach der Rückkehr versuchte er vergeblich, eine Südpolarfahrt von Italien aus ins Werk zu setzen uitb begab sich Ende 1881 nach der Argentina, wo er Gelegenheit fand, die Misiones, das südliche Patagonien und Feuer- land zu besuchen. Sein Reisewerk „Patagonia, Terra del Fuoco etc.“ erschien 1883. Zuletzt betraute ihn die italienische Regierung mit einer Mission nach dem Congo- Staate, über dessen Zukunft er, wie bekannt, sich in seinem officiellen Berichte sehr ungünstig geäußert hat. Bei seiner Rückkehr nahm er den Abschied aus der Marine und wurde tech ­ nischer Director der Schiffahrtsgesellschaft „Veloce,, in Genua. — Im Juni dieses Jahres starb, 81 Jahre alt, auf dem Dorfe Kuzenevd (?) bei Moskau der russische Staatsrath und frühere Erste Sekretär der russischen Gesandtschaft in Teheran, Baron de Bode, Verfasser des noch heute geschätzten Reisewerkes „Travels in Tnristan and. Arabistan“. — Seitens der englischen und französischen Regierung wird der demnächst zu eröffnenden Eisenbahnlinie Pest- Belgrad-Salonich i bereits eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet. In den betreffenden Vereinbarungen mit de» den indo-chinesischenDienst versehenden Schiffahrts-Compagnien ist, wie der „Pester Lloyd" schreibt, für einen neu einzulegen ­ den Kurs von und nach Salonichi bereits vorgesorgt. Im neuen Schiffahrts- und Postvertrage der französischen Regierung mit den Messageries Maritimes ist unter anderem eine vierzehntägige Linie Port Said-Salonichi und zurück (mit Schnelldampfern) mit Anschluß in Port Said an die indo ­ chinesische Linie stipulirt, was darauf hindeutet, daß an die Eröffnung der in Rede stehenden Eisenbahnlinie hinsichtlich der Vermittelung des mitteleuropäisch-überseeischen Verkehrs gute Hoffnungen geknüpft werden. Dem Beispiele Englands und Frankreichs will auch Deutschland folgen, dessen snb- ventionirte Fahrten vermittels des „Norddeutschen Lloyd" nach Ostasien und Australien bekanntlich zum Theil über das Mittelländische Meer gehen, so daß neben dem Auslaufhafen Genna eventuell auch eine Zweiglinie von Salonichi etablirt werden soll. Diesen Bestrebungen schließt sich auch der österreichisch-ungarische Lloyd an, der selbstverständlich ein Interesse hat, au dem zwischen Salonichi und Aegypten, bczw. dem Suezkanal stattfindenden Verkehr zu participiren. Aste n. — Ueber die Verhältnisse des Grundbesitzes in Syrien macht Gnthe in seinem Prachtwerke „Palästina in Bild und Wort" (II, S. 170) folgende Mittheilungen. Das beste Land, besonders der größte Theil der Ebene Saron und der großen Ebene zwischen dem Tabor und dein Karmel, ist Staatsgut und heißt Ard Miri, d. h. dem Emir (Fürsten oder Sultan) gehöriges Land. Solche Grundstücke werden von der Regierung an ganze Dörfer oder an einzelne Personen verpachtet, und der Pächter hat für das Recht des Bebauens den Zehnten des Ertrages an die Staatsbehörde zu entrichten, darf das Land aber selbstverständlich weder vererben noch verkaufen. Daneben giebt es Ard-Wakf, d. h. Stiftungs ­ oder Vermächtnißland. Der Landesherr oder ein wohlhaben ­ der Privatmann hat dasselbe testamentarisch einer Moschee oder einem anderen Heiligthume, auch Schulen und Wohl- thätigkeitsanstalten vermacht mit der Bestimmung, daß der Ertrag zum Besten der frommen Stiftung verwandt werden soll. Solche Ländereien werden unter denselben Bedingungen wie die eigentlichen Staatsgüter verpachtet, nur daß der Zehnte nicht an die Regierung, sondern an den Verwalter der frommen Stiftung abgeliefert werden muß, der seinerseits einen Antheil von dem entrichteten Zehnten für sich behalten darf. Diese Verwaltung der Wakfgüter ist für manche arme Effendifamilie eine willkommene Einnahme, bringt aber leider viele Personen in die schlimme Versuchung, die Einkünfte der ihrer Aufsicht anvertrauten Ländereien selber zu „essen", wie man sich in Syrien auszudrücken pflegt, anstatt sie der milden Stiftung zufließen zu lassen. Die dritte Klasse des Bodens nennt man Ard Mnlk, d. i. Eigenthum; sie umfaßt meist nur kleinere Grundstücke, die gewöhnlich mit trockenen Mauern aus Feld ­ steinen oder mit Kaktushecken eingefriedigt sind. Diese kann der Eigenthümer ganz nach seinem Belieben vertauschen oder verkaufen; doch sucht die türkische Regierung neuerdings auch diese Angelegenheit unter ihre Aufsicht zu bringen. Da die Bevölkerung in Palästina an Zahl gering und außerdem im Durchschnitt faul und träge ist, so liegen namentlich in den unfruchtbareren Gebirgsgegenden große Strecken des Bodens völlig brach. Wer solch „todtes", d. i. schon seit langer Zeit unbebautes Land „belebt" oder urbar macht, erwirbt cs sich dadurch zum Eigenthum oder Mnlk. Wird ein Grundstück herrenlos, sei es, tueil die Eigenthümer ausgestorben oder weil die bisherigen Besitzer mit der Bezahlung der Steuern zu sehr in Rückstand gekommen sind und deshalb ihr Dorf verlassen haben, so fallen die Ländereien, gleichviel, welcher Klasse sie früher angehörten, ohne Ausnahme an den Staat zurück. — Mc Carthy, der Regierungsvermesser von Siam, ist kürzlich mit einer Anzahl trefflicher Karten dieses Landes, welche die Ergebnisse siebenjähriger Aufnahmearbeiten dar ­ stellen, nach England zurückgekehrt und arbeitet dieselben nun in den Räumen der R. Greographical Society ans. Inhalt: Prof. L. v. Loczy: Die Umgebung von Hsi-ning-su in der chinesischen Provinz Kan-sn. (Mit fünf Abbildun ­ gen.) — Dr. W. Sievers: Zur Kenntniß Venezuelas. III. (Schluß.) — O. Genest: Kapitän Jakobsen's Reisen im Lande der Golden. II. — Kürzere Mittheilungen: Bevan's Forschungsreise in Englisch-Neu-Gumea. — Aus allen Erdtheilen: Europa. — Asien. (Schluß der Redaktion am 28. August 1887.) Redakteur: Dr. N. Kiepert in Berlin, S. W. Lindenstraße 11, III Tr. Druck und Verlag von Friedrich View cg und Sohn in Braunschwcig.