GLOBUS . ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER - und VÖLKERKUNDE . VEREINIGT MIT DER ZEITSCHRIFT „ DAS AUSLAND“ . HERAUSGEBER : Dr . RICHARD ANDREE . VERLAG von FRIEDR . VIEWEG & SOITN . Bd . LXX . Nr . 19 . BRAUNSCHWEIG . November 1896 . Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet . Die Reste der Germanen am Schwarzen Meere . Von Prof . Johannes Hoops . Heidelberg . Aus den Zeiten der Völkerwanderung sind in den Ländern um das Schwarze Meer eine Anzahl zerstreuter Reste germanischer Stämme sitzen geblieben , die sich zum Teil bis in die Neuzeit hinein mehr oder weniger unberührt erhalten haben . Die bekanntesten derselben sind die Krimgoten . Diese haben schon seit derten das Interesse der Forscher erregt , und es hat sich über sie , ihre Sprache und Geschichte allmählich eine kleine Litteratur angesammelt . Vor kurzem hat nun Richard Loew e ein Werk 1 ) veröffentlicht , welches auf Grund eingehendster Quellenstudien nicht nur die Krimgoten einer erneuten , durchaus selbständigen handlung unterzieht , sondern zugleich alles zusammen - fafst , was wir von Spuren germanischer Völkerschaften in Kleinasien , am Kaukasus und auf der Balkanhalbinsel wissen . Bei dem Reiz , den alle derartigen Untersuchungen über versprengte Völkerreste naturgemäfs haben , dürfte es für die Leser des „ Globus“ nicht uninteressant sein , einen Überblick über den Inhalt dieser Arbeit zu halten , die überall von umfassender Belesenheit und unabhängigem Denken zeugt , viel neuen Stoff beibringt und bekanntes oft in ganz neuem Sinne deutet . Der Verfasser handelt in dem ersten Kapitel über die klein asiatischen Germanen . Bei Theophanes werden Forffoyquikol erwähnt , die im achten hundert an der Küste des Thema Opsikion und zwar irgendwo zwischen Adramytion und Chrysopolis gewohnt haben müssen . Sie beteiligten sich 714 an einem stande gegen den byzantinischen Kaiser Artemios oder Anastasios II . Ihr Name kommt sonst nicht wieder vor ; wohl aber lesen wir bei Konstantinos Porphyro - gennetos im zehnten Jahrhundert von einem Volksstamme , den er JT^cukol nennt und der an derselben Stelle sässig ist , wo wir die ror & oyQcrficoi des Theophanes treffen . Loewe ist deshalb der Ansicht , dafs die beiden identisch sind und der Name Upcaxot nur die jüngere durch Wortkürzung entstandene Namensform der „ LbrffoypoiLiOf“ repräsentiert . Porphyrogennetos stellt diese TquikoL als besonderen Stamm des Thema Opsikion neben die Bl & vvol , Mvöol und QQvysg - , er hebt sonders hervor , dafs sie sich der KOLvrj , d . h . des reinsten Griechisch , bedienen . Die Germanen , welche die Vorfahren unserer Goto - griechen waren , können sich nur in der Zeit der go - * ) * ) Die Reste der Germanen am Schwarzen Meere . Eine ethnologische Untersuchung von Dr . Richard Loewe . Halle , Niemeyer , 1896 , 8° . XII , 269 S . 8 Mk . Globus LXX . Nr . 19 . tischen Raubfahrten nach Kleinasien , d . h . nach der Mitte des dritten Jahrhunderts n . Chr . , an der Küste der Propontis niedergelassen haben . Nach Loewe haben wir in ihnen Teile der Heruler zu erblicken , die im Jahre 267 die Gegend von Kyzikos überschwemmten . Wenn Trebellius Pollio diese Eindringlinge Goten nennt — im Gegensatz zu Synkellos , der sie als Heruler zeichnet — so schreibt sich das nach Loewe einfach daher , dafs die Heruler den Griechen und Römern als ein gotisches Volk galten . Zonaras nennt sie sogar „ einen skythischen und gotischen Stamm“ . Loewe benutzt diese Gelegenheit zu einem interessanten Exkurs über das V erhältnis der Namen Skythen , Goten und Heruler zu einander . Unter Skythen versteht man bekanntlich „ die nomadischen Iranier , die über centralasiatische Gebiete nördlich von Iran , über die Kaukasusländer und in Europa über Südrufsland hin bis zur unteren Donau , in zahlreiche Stämme gespalten , ausgebreitet waren . Bei der weiten räumlichen breitung der Skythen mögen die Griechen unter ihrem Namen auch wohl die Reste der Urbevölkerungen jener Länder häufig mitverstanden haben , aber eine liche Erweiterung oder beinahe eine Übertragung erfuhr doch der Name erst , als germanische Scharen die Länder der Skythen in Europa überfluteten und sich an der unteren Donau bis zum Tanais hin ausbreiteten“ ( S . 6 ) . Die Sarmaten , d . h . die europäischen Skythen , wurden rasch von ihnen unterworfen und gingen bald in den germanischen Siegern auf . Ihre skythischen Nachbarn östlich des Don dagegen , die Alanen , haupteten ihre Selbständigkeit und schlossen sich zum Teil den Zügen der Germanen an . Die Griechen und Römer aber übertrugen hinfort den Sammelnamen „ Skythen“ auch auf die in die sarmatischen Länder gerückten Germanen . Sie wurden dazu nicht blofs durch die Gleichheit der Wohnsitze und die nunmehr sam unternommenen Raubfahrten , sondern vor allem auch durch die körperliche Ähnlichkeit dieser Nord Völker veranlafst . Wie die Germanen , hatten auch die Skythen blondes Haar , ein Merkmal , das den dunkelhaarigen Südländern von jeher besonders in die Augen gesprungen ist . Die Satarchen , die skythischen Bewohner der Krim , werden von Valerius Flaccus „ flavi crine“ genannt , und die iranischen Osseten , die Nachkommen der Alanen , heben sich noch heute von den sie rings umgebenden schwarzhaarigen Ureinwohnern des Kaukasus durch ihr blondes Haar scharf ab . Es wird deshalb den Griechen anfangs gar nicht recht zum Bewufstsein gekommen sein , 37