GLOBUS. ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER- und VÖLKERKUNDE. VEREINIGT MIT DER ZEITSCHRIFT „DAS AUSLAND“. HERAUSGEBER: Dr. RICHARD ANDREE. VERLAG von FRIEDR. VIEWEG & SOHN. Bd. LXXII. Nr. 16. BRAUNSCHWEIG. 23. Oktober 1897. Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet. Die ältesten Gräber in der Schweiz. Von J. Heierli. Zürich. Die ganze Schöpfung steht in Trauer, Das Laub der Bäume färbt sich gelber, Und ach ! mir ist, als fühlt’ ich selber Im Herzen kalte Winter schauer. Wie ringsum alles stirbt und endet! Bei diesem Welken und Verderben Eleh ich: O Gott, lafs mich nicht sterben, Eh’ ich ein schönes Werk vollendet! (Leuthold.) Die Völker niederer Kultur glauben die Welt von guten und bösen Geistern beherrscht. Alle Erschei ­ nungen der Aufsenwelt werden sorgfältig beobachtet und tiefer Kummer ergreift manche Stämme, wenn die Sonne oder der Mond sich verfinstert oder wenn im Spätherbst die ganze Natur zu sterben scheint. Aber sie stirbt nicht. Im Frühling spriefst neues Leben, wieder beginnt das Blühen und tönt der Vogelsang. Ist’s wohl beim Menschen auch wie in der Natur? Im menschlichen Leben folgt auf den Jugendfrühling der Sommer mit seinen Gewittern; dann kommt der Herbst, früchtebeladen, und endlich streut der Winter auf das Haupt des Alten den Schnee. Wenn dann der Mensch stirbt, ist er wirklich tot oder giebt es für ihn, wie bei der Blume des Feldes, ein Auferstehen? So fragt nicht blofs der Wilde, der Barbar, so fragt auch der Kultur ­ mensch. Als der Forschungsreisende Wallace auf Neu-Guinea eine Mutter, die auf dem Grabe ihres Erstgeborenen klagte und weinte, fragte, ob der Knabe tot sei und nicht wieder komme, erhielt er zur Antwort: „Er ist nicht tot, er schläft nur.“ Und wie heim Naturvolk dieser Glaube vorkommt, so trösten auch die höchst ­ entwickelten Religionen ihre Anhänger mit dem Glauben an die Auferstehung. Wenn der Mensch nach seinem Tode erwachen soll zu neuem Lehen, so mufs er während seines Schlafes wohl behütet werden. Damit er im Schlafe Ruhe habe, bettet man den Toten in den kühlen Schofs der Erde. Das Grab ist die Wohnung des Toten und darum gleicht es mancherorts auch äufserlich der Behausung des Lebendigen, oder dieser überläfst dem Verstorbenen sogar seine eigene Wohnung als Ruheplatz. Die Höhle war der primitive Wohnsitz des Diluvial ­ menschen und war es öfters auch für den Neolithiker. Was Wunder, dafs manche Steinzeitgräber in natürlichen und in künstlichen Höhlen sich finden. Ist denn das Flachgrab von heute nicht auch eine kleine Höhle, künstlich hergestellt in der Erde ? Die Stelle, wo Tote ruhen, wird von Freund und Globus LXXII. Nr. 16. Feind gemieden, denn da halten die Geister der Ver ­ storbenen Zwiesprache; so denkt der Naturmensch. Der Friedhof ist auch für manche von uns Kultur ­ menschen noch ein Ort, der gemieden, der mit einer Art Grausen, besonders zu ungewohnter Zeit, betreten wird. Grabschändung ist schon Barbaren eine Frevelthat. Pietätvoll ist der Verstorbene begraben worden; die Totengesänge zu seinen Ehren sind verhallt, die Opfer dargebracht, bald wird auch das Andenken an ihn erloschen sein. Vielleicht zieht der Stamm weiter und kommt nicht mehr an den Ort zurück. Wenn er aber auch nach Jahr und Tag wiederkehrt, wer will sagen, wo die Väter begraben sind, wer hat Kunde, wo der grofse Häuptling, von dem die Stammessagen melden, seine Ruhe gefunden ? Man mufste suchen, durch äufserliche Zeichen den Ort anzugehen, wo die Stammes- genossen gebettet waren, und ist schliefslich zu bleiben ­ den Zeichen gekommen, deren einfachstes der Hügel war, den man über dem Grabe aufschüttete aus Erde und Steinen und der zudem die Toten noch besser schützte. Schon in der Steinzeit begegnen uns neben Flach ­ gräbern auch Grabhügel. Besonders Häuptlingen mag man grofse Hügel errichtet haben zum Gedächtnis. Die Pyramiden Ägyptens sind auch nichts anderes als ins Riesenhafte angewachsene Grabhügel. Wie heute an manchen Stellen der Erdoberfläche die Gräberstätten noch durch grofse Steinhauten hervorgehoben werden, so finden wir es schon in der Urzeit. Aufgerichtete Steintische, Steinkreise kommen schon in der Steinzeit Europas vor. Ob die Troglodyten von Thaingen, Schweizersbild und anderen Orten ihre Toten auch geehrt, ob und wo sie dieselben bestattet haben, wissen wir nicht, aber in der neolithischen Zeit können wir für die Schweiz schon mehrere Arten von Begräbnissen nachweisen: 1. Höhlen grabe r. Nur wenige Minuten vom Schweizersbild entfernt liegt in der Gemeinde Herb ­ lingen eine kleine Höhle im Dachsenbühl. Dieser Hügelzug besteht aus Jurakalk, welcher bekanntlich reich ist an Klüften, Spalten und Höhlen. Am Ost- abhange des Dachsenhühls, nur wenige Meter oberhalb der Sohle des Thälchens, das sich zwischen ihm und dem Hohberg durchzieht, liegt eine ganz kleine Höhle, die 1874 von Dr. v. Mandach untersucht wurde. Der Eingang hat zwei Schritte Durchmesser; dann erweitert sich der Hohlraum nach den Seiten und nach oben. Der Grundrifs bildet nahezu ein Trapez, dessen 31