Kerbhölzer und Kaveln1 ) . Von Karl Brunner . ( Mit sieben Abbildungen . ) An den im modernen Wirtschaftsleben fast verschwundenen Gebrauch von Kerbhölzern erinnern noch die allgemein bekannten Wendungen 'etwas auf dem Kerbholze haben' , d . h . etwas schuldig sein oder zu antworten haben , ferner 'an ein Kerbholz' und 'aufs Kerbholz los leben' oder — 'sündigen' mit der Bedeutung des unüberlegten Tuns . Bei Hans Sachs heisst es : 'borgen und schneiden und kerben , des möcht ein Reicher Wirt verderben' . Wenn auch das Wort 'kerb' für Kerbholz oder Kerbstock und 'kerben' erst im Mittelhochdeutschen nachweisbar ist , so kann doch an dem hohen Alter des Kerbholzgebrauches nicht gezweifelt werden . Das Kerben aufs Kerbholz ist ein Rest der ältesten Buchführung . Bei Grimm , D . Wb . 5 , 562 f . wird die Vermutung ausgesprochen , dass auch die Römer das Kerbholz schon benutzten , unter Hinweis auf die Zeitwörter putare , putare usw . , welche die Bedeutungen des Holzschneidens und Rechnens verbinden , und auf die römischen Ziffern , die ja rechte Kerbholzzeichen sind . Bei Wattenbach2 ) sind Kerbhölzer zur Zeit König Johanns von England ( um 1200 ) erwähnt . Spätere Belege für ihren Gebrauch sind zahlreich bis in die neueste Zeit , ja vielfach werden die Kerbhölzer noch heute gebraucht , am längsten bei uns in Wirtshäusern , bei Bäckern und Hufschmieden . Die Verbreitung des Kerbholzes eingehend zu schildern , würde hier zu weit führen ; es sei daher nur eine kurze , auf Europa beschränkte Übersicht der Namen gegeben , aus welcher zugleich das Vorkommen erhellt . Neben dem nieder - und mitteldeutschen 'Kerbholz' , 'Dagstock' , 'Knüppel' findet sich 'Span' , 'Kärm' oder 'Raitholz' ( Rechenholz ) in Bayern und Tirol , im deutsch - schweizerischen Sprachschatze 'Beil' , 'Degen' oder 'Alpscheit' ( die Kerbe heisst 'Hick' ) , in Schweden 'karfstock' oder 'kafle' , 1 ) Dieser und der folgende Aufsatz erscheinen gleichzeitig in den 'Mitteilungen aus dem Verein der Königlichen Sammlung für deutsche Volkskunde zu Berlin' , Bd . 4 , Heft 1 . 2 ) Das Schriftwesen im Mittelalter1 S . 95—96 . Zeitschr . d . Vereins f . Volkskunde . 1912 . Heft 4 .