Bücheranzeigen . 105 nicht mehr zu beschaffen sind . Auf Abbildungen verschleiert eine keit recht oft das Wesentliche . Ich gehe natürlich nicht so weit , zu behaupten , die Verfasser örtlicher Trachtenwerke kennten die Trachten ihres Gebietes nicht aus eigenster Anschauung ; aber wo es sich um Bezugnahme auf solche handelt , die jenseits der Grenzen liegen , liest man meistens nur Quellenangaben oder die Bezugnahme fehlt völlig . Wenn z . B . Professor Jostes im 'Westfälischen Trachtenbuche' von der originellen Haube , die vor den Toren Mindens in Dankersen , Frille und Wietersheim getragen wird , sagt : 'sie gleicht einer InfuF , so tut er der Volkskunde keinen Dienst ; er täte das , wenn er sagte : 'sie gleicht in auffallender Weise der um Marburg getragenen Hessenhaube in ihren älteren und grösseren Formen , wie sie das Germanische Museum noch bewahrt' . Das erkennt man allerdings nur , wenn man sowohl die westfälische als die hessische Haube in der Hand hält , sie umkehrt und an der Innenseite die Übereinstimmung der Schnittform bemerkt . Es führt zu weit , Beispiele dieser Art in grösserer Zahl zu nennen , doch möchte ich noch darauf hinweisen , dass auch Kretschmers buch die Wiedergabe der Kleidungsstücke nicht durchweg nach lebendiger schauung bringen dürfte , trotzdem Sp . dies annimmt . Es wurde mir klar , als mich sein Büchlein diesen Sommer durch Deutschland begleitete . Im letzten Teil des 4 . Kapitels 'Trachtenkunde' gibt er nämlich die Beschreibung deutscher Trachten nach den Kretschmerschen Farbentafeln . Ich führe einige Beispiele an . S . 124 ( Frauentracht der Baar ) : 'Das Mieder von schwarzer Seide mit Sammet - blumen hat im Rücken einen dreiseitigen , mit der Spitze nach oben stehenden Einsatz von schwarzem Tuch mit weisser Schnureinfassung . . . im Rücken ist noch ein viereckiges Stück von durchzogenem Tüll eingesetzt . ' Davon stimmt nichts , das Mieder ist einheitlich aus schwarzem gepressten Sammet geschnitten , und den Hals umschliesst ein Goller aus weissem , durchzogenem Tüll , das am Halse Krausen und Rüsche hat . Von der Mitte des Gollers laufen zwei schmale weisse Bänder unter den Armen durch nach vorn , auf dem Rücken mit weisser Linie ein Dreieck zeichnend . Es ist ersichtlich , dass das Bild nach einer verstandenen Abbildung , nicht aber nach dem Leben gefertigt wurde . Meine Nachfrage in der Baar , ob die Tracht vielleicht früher in der beschriebenen Weise getragen worden wäre , wurde verneint . — Ein anderes Beispiel : S . 95 ( schweigische Frauentracht ) : 'Das in drei Zipfel gelegte Brusttuch deckt Rücken und Brust und ist im Rücken in einen Mittel - und zwei bauschige Seitenzipfel gefasst , die über die Schulter fallen . Darüber kommt eine in kleine Falten legte Halskrause ( 'Halshemd' ) , die bald flach anliegt , bald wagrecht absteht . ' Das stimmt auch nicht . Unter dem in drei Zipfel gelegten Brusttuch wurde ein fichtiges 'Halshemdchen' angelegt , das am Halse eine in kleine Falten gelegte Halskrause hat , die bald flach anliegt , bald wagrecht absteht . Derartige Un - genauigkeiten sind selbstverständlich nicht dem Vf . in Anrechnung zu setzen , ich wollte durch ihre Anführung nur beweisen , dass auch Autoritäten es sich in dieser Hinsicht zuweilen leicht gemacht haben . Alles in allem kann man dem Vf . doch nur Dank sagen für diesen populären Auszug vorhandener Trachtenwissenschaft und die Anregungen , die er weiterem Schaffen gibt . Zumal ich schulde ihm besonderen Dank ; ist doch & ein Büchlein diesen Sommer auf der Fährte der Volkstracht mein steter Begleiter gewesen . Möchten seine Anregungen verdiente Folge finden , vor allem auch der ^uf : 'Sammelt die Trachtenstücke ! ' Berlin . Rose Julien .