Menschenschäclel als Trinkgefässe . Yon Richard Andree . ( Mit G Abbildungen . ) 1 . Heiligenschädel . Ein Menschenalter ist darüber verflossen , seit ich , ganz kurz , dieses Thema schon einmal im Zusammenhange mit dem Schädelkultus behandelt habe1 ) . Seitdem ist viel neuer Stoff zugeflossen , und als ich meinen Wohnsitz nach München verlegte , ward mir auch wiederholt Gelegenheit , den wundertätigen und heilkräftigen Trunk aus einem Menschenschädel noch lebendig in unseren Tagen kennen zu lernen . In einer Stunde Eisenbahnfahrt erreicht man den von der bayerischen Hauptstadt nach Osten zu gelegenen freundlichen , etwa 2500 Einwohner zählenden Marktflecken Ebersberg , eine uralte Kultstätte , die sich rühmt , seit fast tausend Jahren den Schädel des heiligen Sebastian zu besitzen , •der durch die Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag Tausende und Abertausende von AVallfahrern , darunter Kaiser und Fürsten , dorthin zog , die alle durch einen Trunk aus dem Schädel des Heiligen in o - eisti^en und leiblichen Nöten Heilung und Segen erhofften . 'O ° Freilich den alten Glanz , der es früher umgab , zeigt Ebersberg heute nicht mehr . Die wiederholt von Bränden zerstörte gotische kirche , heute Pfarrkirche , ist stark barock umgebaut , und nur noch einzelne gotische Grabmäler sprechen von der alten Herrlichkeit . Auch die mehrung des hlg . Sebastian ist durch neueren Wettbewerb beschnitten ■worden ; denn , wie so häufig in Bayern und Tirol , hat man , moderner Richtung folgend , auch in einer Vorhalle der Kirche eine Lourdeskapelle •errichtet , über deren Eingang steht : '0 Maria von Lourdes beschütze uns 1887' . Hier werden jetzt viele Wachsvotive niedergelegt , brennen reiche Kerzen , sind Zettel an der Wand befestigt , welche schriftliche Bitten an die Heilige enthalten , die bunt bemalt in ihrer geschmückten Grotte steht . Sie hört auch hier die Seufzer der Armen 1 ) Ethnographische Parallelen 1878 S . 134 . Zeitschr . d . Vereins f . Volkskunde . 1912 . Heft 1 . 1