Die allgemeine Annahme, dafs die Zigeuner sich zuerst 1417 in Deutschland zeigten, ist neuerdings von Bataillard in Zweifel gezogen worden (Journal of the Gypsy Lore Society 1, 205 ff.). Während Grellmann (Historischer Versuch über die Zigeuner. 2. Auflage, p. 206 An­ merkung 91, Göttingen 1787) die Angaben von Dilich, dafs die Zigeuner schon 1414 in Hessen angekommen, und von Fabricius, dafs sie 1416 aus Meilsen vertrieben worden seien, als un­ wahrscheinlich verwirft, ist Bataillard geneigt, ihnen Glauben zu schenken. Fabricius veröffent­ lichte seine Berum Misnicarnm libri VIII erst 1560, Dilich seine Hessische Chronik gar erst 1617. Ein Irrtum ihrerseits ist also sehr viel begreiflicher als bei den Zeitgenossen der Einwanderung der Zigeuner, unter denen namentlich das bestimmte Zeugnis des ausgezeichneten lübeckischen Dominikanermönchs Hermann Korner (f 1437 oder 1438) und des Verfassers des betreffenden Teiles der Magdeburger Schöppenchronik ins Gewicht fällt, die übereinstimmend das Jahr 1417 angeben. Dazu stimmt auch der Bericht von Conrad Justinger (f 1426), der in seiner Berner Chronik erwähnt, dafs die Zigeuner zuerst 1419 nach der Schweiz kamen. Das wäre voraus­ sichtlich früher geschehen, wenn sie schon 1414 in Hessen sich gezeigt hätten, da sie damals noch weniger als jetzt lange an einem und demselben Orte verweilten und nachweislich Europa in schneller Wanderung durchzogen. Koch älter würden die Zigeuner in Deutschland sein, wenn man auf sie mit Bataillard eine Verordnung des Fürstbischofs von Würzburg, Gerhard von Schwarzburg, beziehen dürfte, die zuerst Reuss veröffentlicht und ohne Bedenken auf die Zigeuner gedeutet hat (Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. Neue Folge. 2, 83 f. Nürnberg 1855). Diese Verordnung findet sich in dem Statutenbuche des Fürstbischofs. Sie trägt den Titel: „Von den die Bemische lute beherbergen“ und lautet: „Wir wollen auch vnd gebieten vesteclichen allen vnsern vndertanen pfaffen vnd leyen geistlichen vnd weltlichen armen vnd riehen in vnser stat zu wirezburg gesessen, vnd auch allen gastgeben zu den uzwertige Bemische lute in riten, daz sy den furbaz weder essen noch trincken geben, noch husen noch herbergen sullen. Wer dar an bruchig wurde der gibt als oft daz geschiht einen gülden zu pene.“ Die „Bemische lute“ deuten Reuss und Bataillard als Zigeuner, die auch in Frankfurter Urkunden zuweilen „Beheimen“, von den Franzosen Bohemiens genannt werden. Dafs diese Deutung irrig ist, zeigt die Zeitgeschichte klar. Gerhard von Schwarzburg war Fürstbischof von Würzburg in den Jahren 1372 —1400. Er war gegen den Willen des Kapitels und der Bürger­ schaft vom Papste zum Fürstbischöfe eingesetzt und von Kaiser Karl IV. bestätigt worden. 1*