Buchbesprechungen 311 Washburn, W. E. (vol. ed.): History of Indian-White relations. Handbook of North Ameri- can Indians Vol. 4. General Editor: William C. Sturtevant. 838 Seiten, illustriert. Washington: Smithsonian Institution 1988. Nach sieben Regionalbänden, die seit 1978 veröffentlicht wurden, ist dies der erste themati- sche Band, der in dieser auf 20 Bände angelegten Reihe des “Handbook of North American In- dians” erschienen ist. Wilcomb Washburn, Historiker im Office of American Studies der Smithsonian Institution und in Ethnologenkreisen nicht unumstritten, ist es gelungen, darin die erste Garde amerikani- scher und auch einige europäische Historiker und Ethnologen zu vereinigen. Insgesamt enthält der Band 57 Beiträge von 60 Verfassern, von denen seit 1972, dem Beginn der Arbeit an diesem Werk, bereits acht verstorben sind. Hinzu kommt ein 83 Seiten umfassender Teil mit 294 Kurz- biographien wichtiger Persönlichkeiten, die in der Beziehung zwischen Indianern und Weißen eine Rolle spielten. Erwähnt werden muß auch das 100 Seiten lange Literaturverzeichnis und der Index von 30 Seiten, die das Buch zusätzlich zum Nachschlagewerk werden lassen. Allein diese Dimensionen verdeutlichen, daß es sich hierbei um ein enzyklopädisches Werk handelt, für das es auf dem Buchmarkt bisher nichts Vergleichbares gab. Der Band ist in sechs große Abschnitte untergliedert, in denen die verschiedenen Aspekte in- dianisch-weißer Beziehungen untersucht werden. Der Abschnitt National Policies beschreibt die Indianerpolitik der einzelnen Kolonialmächte, die seit dem 16. Jahrhundert Nordamerika erobert und besiedelt haben. Es folgt die Darstellung der militärischen Situation vom Beginn der Kolonialkriege bis 1891. Der Abschnitt über die politischen Beziehungen befaßt sich mit den verschiedenen Verträgen, Landabtretungen, Regierungsagenturen, der indianischen (Um-)Er- ziehung und den Widerstandsbewegungen der Indianer im 19. und 20. Jahrhundert. Die ökono- mischen Beziehungen begannen mit dem Pelzhandel und sind bis heute durch regional unter- schiedliche Systeme der Abhängigkeit gekennzeichnet. Im Abschnitt über religióse Beziebun- gen wird die Missionstätigkeit der protestantischen Kirche, der Mormonen und vor allem der römisch-katholischen Kirche beschrieben, die in allen Regionen Nordamerikas vertreten war. Nicht weniger wichtig als politische oder religiöse Beziehungen sind die Conceptual Rela- tions, d. h. die Vorstellungen, die sich Weiße von „den Indianern“ gemacht haben und die bis heute die stereotypen Darstellungen in den Medien pràgen. Nach einer allgemeinen Übersicht wird das besondere Verhiltnis zwischen Indianern und Anthropologen (bzw. Ethnologen) unter die Lupe genommen, das die Autorin Nancy Lurie anfänglich als „wechselseitig zufrie- denstellend“ bezeichnet, das jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg immer schlechter zu werden begann. Es folgen Analysen der amerikanischen und europäischen Hobbyistenszene, des Ver- hältnisses zwischen Indianern und der amerikanischen „Counterculture“ in den 60er und 70er Jahren, der Rolle des Indianers in der Literatur (auch der deutschen), in der populären Kultur Amerikas und schließlich im Film. Gerade dieser Abschnitt macht deutlich, wie sehr die India- ner Nordamerikas auch heute noch über alle historischen und ethnologischen Fakten hinaus ein Produkt der Phantasie sind, in das über die Jahrhunderte hinweg zivilisatorische Ängste und Sehnsüchte projiziert wurden und noch immer werden. Die systematische Gliederung des Bandes in Themenschwerpunkte hat den Vorteil, daß hier Aspekte europäisch-indianischer Beziehungen (wie beispielsweise die der Holländer, Schweden oder Russen) abgehandelt werden, die in generellen Überblicken zu diesem Thema fast immer fehlen. Auch die kanadische Indianerpolitik, die in solchen Werken meist zugunsten der der US-Amerikaner vernachlässigt wird, erhält den ihr gebührenden Stellenwert. Der Nachteil bei dieser Art der Gliederung ist jedoch, daß zeitgleiche Ereignisse, die unterschiedlichen Themen