309 Buchbesprechungen Thode-Arora, H.: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. 204 Seiten, 21 Abb. Frankfurt am Main, New York: Campus 1989. Im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert bildeten die sogenannten Völkerschauen eine beliebte Form des Kulturkontaktes, bei der das europäische Publikum gegen Geld Bewohner fremder Länder und Kontinente betrachten konnte. Zur Verbreitung und Vervollkommnung solcher Darbietungen hat besonders der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck (1844-1913) beigetragen. Das Ziel der von Hilke Thode-Arora vorgelegten Studie besteht darin, „...einen Großteil der noch vorhandenen Quellen über die Hagenbeckschen Völkerschauen zusammen- zutragen und sie zu einem Bild der Organisation, des Ablaufs und der beteiligten Personen zu- sammenzufügen.“ (S. 166) Nacheinander werden die ‚Vorläufer und Zeitgenossen‘ Hagenbecks, die ‚Werber und Impresarios‘, die Anwerbung der Völkerschau- Teilnehmer, die Durchführung der Vorführungen, ihre Rezeption und die Rückkehr der Mitwirkenden beschrieben. Der Aufschwung von Hagenbecks Völkerschauen vollzog sich zunächst zeitgleich mit dem Stagnieren seines Tierhandels. Die „Zur-Schau-Stellung“ von Lappen, Eskimos, Kalmücken, Afrikanern, Singhalesen und nordamerikanischen Indianern florierte mehr oder weniger bis zum Beginn der dreißiger Jahre. Zwischen 1880 und 1890 haben Hagenbeck und seine Ver- wandten pro Jahr sogar mehrere verschiedene Gruppen engagiert und auf Deutschland- und Europatourneen geschickt. Besonders erfolgreich waren die über längere Zeit alljährlich wie- derholten Aufführungen der Nubier, der Somali und der Singhalesen. Die für Völkerschauen auszuwählenden Einheimischen sollten „...dem anthropologischen Idealtypus der Region...“ (S. 64) entsprechen, ein fremdartiges, spektakuläres Aussehen haben und „...das Potential zu pittoresken Vorführungen bzw. zur Demonstration eines dem Zu- schauer malerisch erscheinenden Alltagslebens* (S. 63) mitbringen. Dieses in den traditionellen Trachten und vor den nachgebauten oder importierten traditionellen Behausungen stattfin- dende ‚typische Alltagsleben‘ konnte unter anderem in der Anfertigung oder Verwendung von Gebrauchsgegenständen, in der Bereitung von Mahlzeiten oder im Umgang mit heimischen Tieren bestehen. In Hagenbecks 1907 in Hamburg-Stellingen eröffnetem Tierpark hatten die Besucher Gelegenheit, von den Einheimischen Mahlzeiten und handwerkliche Objekte zu er- werben. Zu den Darstellungen von ‚Alltagsleben‘ kamen bald zusätzliche Inszenierungen, so zum Beispiel die Demonstration ‚kulturspezifischer‘ Bräuche und Fertigkeiten oder Tänze, Ge- sänge und Kampfszenen. Derartige Vorführungen entwickelten sich allmählich zu festgefügten und in den Programmheften angekündigten Szenenfolgen. Dank der quantitativen und qualita- tiven Veränderung der Völkerschauen wurde — so Frau Thode-Arora — „.. .die Illusion einer Reise in das entsprechende Gebiet immer perfekter vermittelt.* Als Kriterien für den Erfolg der Darbietungen galten die ‚Naivität und Unverfälschtheit‘ der Teilnehmer sowie die Farbenvielfalt und Pracht des Geschehens. Letztlich zogen die Aufführungen die meisten Zuschauer an, die die bereits vorhandenen Erwartungen am besten erfüllten: „Für einige, wenn nicht alle Schauen existierte offensichtlich eine vorgefaßte Idee bei den Besuchern, der durch ‚typische‘ Vorführun- gen und Ausstattungen entsprochen werden mußte, wenn die Völkerschau finanziellen Erfolg haben sollte.* (S. 165) Die Frage, wie sich ihr Auftritt bei Vôlkerschauen in den Augen der Mitwirkenden darge- stellt hat, ist heute nicht mehr hinreichend zu beantworten. Bis auf das Tagebuch eines Teilneh- mers an einer ,Eskimo-Schau* (1880/81) bestehen die entsprechenden Quellen fast ausschließlich aus Erinnerungen von Weißen. Zumeist wird von Angst, von Heimweh und vom Staunen ange- sichts der westlichen materiellen Kultur berichtet. Einige Einheimische versuchten, sich durch die Veränderung von Kleidung und Frisur den Weißen anzugleichen, was sie für die Völker-