Buchbesprechungen 283 Henn, A.: Reisen in vergangene Gegenwart. Geschichte und Geschichtlichkeit der Nicht- Europäer im Denken des 19. Jahrhunderts: die Erforschung des Sudan. 228 Seiten, 8 Abb., Mainzer Ethnologica 3. Berlin: Dietrich Reimer Verlag 1988. Unter dem ebenso verwirrenden wie anspruchsvollen Titel verbirgt sich das Programm einer Ideologiekritik. Diese hat in der Ethnologie im allgemeinen sehr spát eingesetzt und sich keines- wegs überall durchgesetzt. Lag das móglicherweise auch an jenem Relativismus, zu dem sich die Ethnologie erst mühsam durchgerungen hatte? Die heftige Kritik an Imperialismus und Kolo- nialismus in den Sechziger- und Siebzigerjahren ráumte freilich diesbezügliche Bedenken bei- seite. Das zu besprechende Buch steht in dieser Tradition, die vergangene Zeiten danach beur- teilt, inwieweit deren Urteile mit den eigenen übereinstimmen. Von den zwei Teilen der Abhandlung nimmt sich der erste die Erforschung des Nil-Sudan vor; der zweite greift dagegen weit über eine regionale Korrektur von zeitgebundenen Irrtü- mern hinaus: er zeichnet eine Art Degeneration der europáischen Geistesgeschichte im 18. und 19. Jahrhundert nach, in der der jeweils Wilde vom kindlichen Naturgeschópf zum erstarrten Fossil verkomme. Vorbilder für solche Verfallsgeschichten der ,bürgerlichen* Philosophie lie- ferten seinerzeit vor allem Lukács (1954) und Kon (1964). Ein analoger Versuch für die frühe Ethnologie, d. h. auch für die Geistesgeschichte von Herder bis Haeckel, liegt mit Alexander Henns interessanter Arbeit jetzt vor. Die zunehmenden Grade ethnologischer Blicktrübung am Beispiel Sudan exemplifiziert der Verf. an Cailliaud, Werne und Schweinfurth. Der franzósische Mineraloge zeigt bisweilen eine Präferenz der als Wahrer altägyptischer Kultur verehrten Innerafrikaner vor seinen ,türki- schen* Auftraggebern, vor denen er geradezu eine Abscheu empfinden konnte. Auch der west- fälische Ingenieur Werne, der bei anderen Sudankennern wesentlich schlechter wegkommt (vgl. Hill 1951), wird von Henn noch als Sucher der ,áchten Athiopen* akzeptiert, der sich überdies schon Fragen stellte, die erst in der modernen Ethnologie wieder aufgegriffen wurden. Umge- kehrt soll dann der Botaniker Schweinfurth, den die historische Volkerkunde heute als akribi- schen Ethnographen und Kritiker der , Knechtschaft Afrikas* (Haberland 1980) preist, als , Ko- lonialstratege* entlarvt werden, an dem sich die „methodische Verengung“, vor allem die schließliche Dominanz rassenkundlicher Spekulation in der Völkerkunde zeige. In einem ab- schließenden Vergleich der herangezogenen Quellen kommt der Verf. zu dem Schluß: „Auch die im Detail fragwürdig hypothetischen Geschichtskonstruktionen Cailliauds und Wernes überdecken nicht, daß sie einem Verständnis der Afrikaner methodische Wege wiesen, die Schweinfurth, trotz der Reichhaltigkeit seiner positivistischen Faktensammlung mit geschichts- feindlichem Rassismus wieder verstellte.“ (S. 89) Von den aneinander gemessenen Feldforschern schwenkt der zweite Teil des Buches zu den für entscheidend gehaltenen Ideenspender in Europa selbst zurück: zum Misanthropen Vol- taire, der auf Wilde und Afrikaner ebenso herabsah wie auf Tiere und Natur, zum Begründer des Kulturrelativismus Herder, der allen Völkern Entwicklung, Geschichte und Kultur zubilligte, schon die Fremdperspektive umzukehren versuchte und doch nicht frei war von rassistischer Verurteilung der Afrikaner, zu den Gebrüdern Humboldt, die als Entdecker der sekundären Primitivität vorgestellt werden, denen aber trotzdem eine Individualität der „rohen Völker Nicht-Europas“ kein Begriff war. Diesen besaß dagegen Carl Ritter nach Meinung des Autors, auch wenn er ihn geographisch determiniert sah und die „Kulturhöhe“ für ihn die entscheidende Größe war. Von dieser „Schwelle zwischen Romantik und Industriezeitalter“ wird der Leser dann wie- der zu Hegel zurückgeführt, dessen kräftige Urteile über außerpreußische Entwicklungen ja zur