Zeitschrift für Ethnologie 115 (1990) der Selbstsicht der „reuigen“ Gruppen und der realen politischen Geschichte, die den Verzicht auf den Kriegerstatus als einen aufgezwungenen erkennen läßt. „Mündliche Überlieferung und Geschichtlichkeit bei den Mundung im Tschad. Die Königs- genealogie von Lere: Struktur eines Textes“ ist der Titel des Beitrags von Alfred Adler. Auch hier geht es um unterschiedliche Ebenen der Reflexion der Vergangenheit oder deren Konstruk- tion. Auf der einen Ebene finden sich Ereignisse, die als historisch wahrscheinlich betrachtet werden können und z. T. sogar in unabhängigen Quellen, wie den Berichten früher Reisender, ihre Bestätigung finden. Überlagert wird diese Ebene von der Mythologisierung, die sowohl einzelne Episoden betrifft als auch die ganze Königsgenealogie, die einer zyklischen Interpreta- tion unterworfen wird. Gründung, Renaissance, Verfall in mehrfacher Wiederholung und mit lebenszyklischen und jahreszyklischen Entsprechungen. Der Beitrag von Bertrand Gerard „Wikurumba sind schwierige Leute. Was wir gefunden haben, können wir nicht loslassen“ knüpft regional an den oben skizzierten Beitrag von Izard an. Auch hier haben wir es mit Überlagerungsbeziehungen zwischen Moose (Mossi), Fulbe und „Autochthonen“ zu tun, denen unterschiedlich legitimierte Formen der Macht entsprechen, de- nen Gerard durch Analysen des Sprachverhaltens und der Mythen nachspürt. Wenn auch demselben Rahmenthema „Macht und Tradition“ verpflichtet, unterscheidet sich doch der Beitrag von Jean-Pierre Chaveau und Jean-Pierre Dozon in mancher Hinsicht von allen anderen Beiträgen dieses Bandes. Während die anderen Autoren jeweils von einem König- reich oder einer Ethnie ausgehen, ist die Untersuchungseinheit bei Chaveau und Dozon ein mo- derner kolonialer und postkolonialer Staat. Die Wahl gerade dieser Ebene in Abgrenzung von dem „Mikro-Gegenstand“ der Ethnologen einerseits und der ökonomischen Makro-Perspek- tive, die den peripheren Einzelstaat nur als Bestandteil eines Weltsystems begreifen kann, ande- rerseits wird ausführlich begründet: das die Elfenbeinküste durchziehende interne Beziehungs- geflecht soll untersucht werden, ohne vorschnell auf Faktoren, die auf den erwähnten anderen Analyseebenen liegen, reduziert zu werden. Angelpunkt der Untersuchung ist das Plantagen- wesen, das in seiner eigenen Entwicklungsdynamik und den interethnischen Artikulationspro- zessen, die es auslöst, analysiert wird. Insgesamt bietet dieser Band einen sehr gelungenen Überblick über die aktuelle französische Anthropologie und Historiographie Westafrikas. Zu bedauern sind allenfalls Schwächen im re- daktionellen Bereich, die sich in einer Reihe recht verwirrender grammatischer und orthogra- phischer Fehler niederschlagen. Günther Schlee Désveaux, E.: Sous le signe de l’ours — Mythes et temporalité chez les Ojibwas septentrionaux. 304 Seiten (m. Illustrationen und Fotos). Paris: Editions de la Maison des Sciences de l'Homme 1988. In dieser Arbeit analysiert der franzósische Ethnologe Emmanuel Désveaux die Mythen ei- ner zu den nôrdlichen Severn-Ojibwa zählenden Gruppe, die sich selbst als „Menschen der Fo- rellengewässer“ (Namekosipikwininiwuk) bezeichnet und am Big Trout Lake in der kanadi- schen Provinz Ontario lebt. Das noch heute von der Gemeinschaft bewohnte Gebiet zwischen den in die Hudson Bay mündenden Flüssen Severn und Winisk unterlag spätestens seit Beginn des hier gegen Ende des 17. Jahrhunderts einsetzenden Pelzhandels kulturellen Einflüssen, die zunächst Veränderungen der materiellen Kultur und der sozioókonomischen Struktur bewirk-