Zeitschrift für Ethnologie 115 (1990) schichte Afrikas‘ entstanden und sollen dazu dienen, die unzureichende Kommunikation zwi- schen deutschen und französischen Forschungsströmungen zu verbessern. Wie es zu diesen Barrieren der Kommunikation, die es jetzt zu überwinden gilt, gekommen ist, stellt der Heraus- geber, Edouard Conte, in einer ausführlichen wissenschaftshistorischen Einleitung dar. Darauf folgen sehr spezifische regional-bezogene Analysen. Claude Taudits greift in dem Kapitel ,Die Lineage stirbt nicht aus. Abstammungsgruppen in den Kónigreichen von Banum und Baganda* die These von Lucy Mair auf, dafi die Entwicklung staatlicher Formen eine Schwüchung der Lineages mit sich bringe. Diese These von Mair ist un- schwer zu der Typologie von Evans-Pritchard und Meyer Fortes in , African Political Systems* in Beziehung zu setzen, wo zwischen ,Staaten* einerseits und auf Lineages basierenden Gesell- schaften andererseits unterschieden wird. WAe sehr im Unterschied zu dieser Anschauung nun gerade Staaten auf Lineages basieren können, zeigt Taudits am Beispiel des Kónigreichs Banum im Kameruner Grasland auf. Macht- zentrum ist der polygyne Haushalt des Kónigs, aus dem neben dem Erben der Kónigsmacht zahlreiche Söhne hervorgehen, die in großer räumlicher Nähe mit Ländereien belehnt werden und deren Söhne erst durch Königssöhne folgender Generationen weiter in die Peripherie ge- drängt werden. So wird ein personell und territorial expandierender Königsklan zu einem das ganze Reich durchdringenden agnatischen Beziehungsgeflecht. Adlige Lineages, die neben dem Königsklan bestanden, wurden durch Heiraten mit Königstöchtern, durch uterine Bande, dem Königsklan verbunden. Zur Vermeidung der Entstehung eines Königsklans wurden in der ansonsten patrilinealen Ganda-Gesellschaft die Söhne des Königs den Klanen ihrer Mütter zugeordnet. Ebenso verfuhr man im Falle zweier weiterer hoher Würdenträger. Dies beförderte die Rivalitäten unter den Ursprungsklanen der Frauen des Königs, die den Nachfolgeanspruch jeweils des Prinzen, der ihnen selber zugerechnet wurde, unterstützten. Brudermord wurde so zu einem integralen Be- standteil der Amtsnachfolge. Auch hier also ein Weiterbestehen der politischen Bedeutung von Klanen und Lineages in einem staatlichen Verband, wenn auch auf eine ganz andere Weise als im Falle von Banum. Das Kapitel von Claude-Hélene Perrot über „Genealogie, Chronologie und Siedlungsge- schichte“ befaßt sich mit den Anys-Reichen der Ndenye (Elfenbeinküste). Das Problem der Chronologisierung von Dynastien, der selektiven Aufnahme von Herrschernamen in die oralen Traditionen, und das der Durchbrechungen der matrilinearen Nachfolgeprinzipien durch Macht- und Opportunitätsgesichtspunkte werden diskutiert. Hierbei wird das Interesse des Anthropologen an Verwandtschaftssystem und idealen Abläufen dem Interesse des Historikers an den tatsächlichen Ereignissen gegenübergestellt. „Die Entstehung des Staates im Niger-Bogen im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts“ ist der Titel des Beitrags von Emmanuel Terray. In diesem Zeitraum haben sich südlich des Reiches Mali zahlreiche Neugründungen von Staaten vollzogen, die einem erkennbaren Muster folgten. Die Legenden der Staatsgründung führen den ersten Herrscher oft auf das Königshaus eines frü- heren Reiches zurück, und in der Tat scheint es so gewesen zu sein, daß im Streit von den Ihren geschiedene junge Männer aus bedeutenden Lineages mit ihresgleichen sowie Jägern und Vaga- bunden Reiterscharen bildeten, um sich eigene Herrschaftsgebiete zu erobern. Zölle und Abga- ben waren sehr niedrig, so daß das den Händlern und Bauern auferlegte Joch ein sehr leichtes war und wenig Widerstand hervorrief. Die ökonomische Basis dieser Reiche war der persönli- che Landbesitz des Königs, der mit Sklavenarbeit bewirtschaftet wurde. Diese wiederkehren- den Muster und die Herleitung dieser Staatsgebilde voneinander führen Terray dazu, der These