Zur Problematik einer multiethnischen Immigrationsgesellschaft Anmerkungen zu Christoph Antweilers Kommentar* Irenäus Eibl-Eibesfeldt Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft, Von-der-Tann-Str. 3-5, D-8138 Andechs, Deutschland In einem Artikel in der , Welt am Sonntag“ nahm ich 1989 zu der Frage Stellung, wel- che Entwicklungsmôglichkeiten sich für eine multiethnische Immigrationsgesell- schaft abzeichnen. Die Frage wird seit einigen Jahren lebhaft diskutiert. Die Befür- worter des Aufbaus einer multikulturellen Immigrationsgesellschaft meinen, das Zu- sammenleben mit Vertretern aus anderen Ethnien würde helfen, Rassenvorurteile ab- zubauen. Ein harmonisches Miteinander würde die Folge sein. Gegner dieser Ansicht fürchten Überfremdung, d. h. den Verlust der ethnischen und kulturellen Identität. In der Diskussion fällt auf, daß weniger sachliche Argumente als emotionell vorgetragene Wunschvorstellungen bzw. Befürchtungen eine Rolle spielen, was zu Polarisierungen führt, die einer vernunftbegründeten Lösungsfindung entgegenwirken. Um zwischen den Extremen zu vermitteln und auf Möglichkeiten und Schwierigkeiten multikultu- rellen und multiethnischen Zusammenlebens aus der Sicht eines Biologen hinzuwei- sen, habe ich mich in die Diskussion eingeschaltet. Antweiler nahm zu meinen Ausführungen Stellung. Allerdings beschränkte er sich auf den Artikel in der ,, Welt am Sonntag, in dem ich die Thesen in geraffter Form vor- trug, und das überrascht, denn ich habe mich in einigen Biichern, wie zum Beispiel in meinem Buch „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ und in meinem letzten Buch „Der Mensch — das riskierte Wesen“ zu diesen Punkten ausführlicher geäußert, und das hätte man in einer Stellungnahme in einer so angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift wohl auch berücksichtigen müssen. Ich habe mich dort zum Beispiel einge- hend mit der bereits beim Kleinkind in allen daraufhin untersuchten Kulturen festge- stellten Fremdenscheu auseinandergesetzt, die sich auch entwickelt, ohne daf es dazu Schlechter Erfahrungen mit einem Fremden bedarf. Die Entwicklung und Funktion dieses im Tierreich zur Absicherung der Mutter-Kind-Beziehung entwickelten Ver- haltens habe ich ausführlich erörtert und aufgezeigt, daß wir hier auch die Wurzel des * Antweiler, Ch. (1989): Eibl-Eibesfeldts Thesen zu einer multiethnischen Gesellschaft: Ein Kommentar. Zeitschrift für Ethnologie 114, S. 21-26. Zeitschrift für Ethnologie 115 (1990) 261—267 € 1992 Dietrich Reimer Verlag