Buchbesprechungen 175 Piaroa-Gruppe am Cano Fruta, einem Zu ­ fluß des Rio Mataveni, wo Gheerbrant und seine Gefährten einem Initiationsfest bei ­ wohnen konnten. Die Beschreibung dieses Kultfestes, bei dem die Männer sorgsam vor den Augen der Frauen gehütete Flöten und Trompeten bliesen, Jaguarmaskentänzer in federgekrönten Palmblattvermummungen auftraten, und das seinen rituellen Höhe ­ punkt in dem „Kraftstoff“ spendenden Zau ­ berakt der Ameisenmarter fand, ist der eth ­ nologisch gehaltvollste Abschnitt des Buches. (Einzelne Kultszenen wurden von der Expe ­ dition auch gefilmt und eine Anzahl kulti ­ scher Gesänge in Tonaufnahmen festgehal ­ ten.) Daß Gheerbrant nicht erkannt hat, welch günstige Ansätze zu einem gründ ­ lichen Studium der Piaroa und ihrer Kultur er mit seinen Beobachtungen an Cano Fruta gewonnen hatte, ist umso bedauerlicher, als dieser interessante Stamm noch niemals ge ­ nauer untersucht wurde, was schon Koch- Grünberg beklagte. Enttäuschend ist für den Ethnologen be ­ sonders der Hauptteil des Gheerbrantschen Buches, der den Weg der Expedition durch die Wälder des Ventuari zur Parimakette, also durch das Gebiet der Makiritare und Guaharibo (Shiriana-Waika) schildert. Er bietet in den zusammenhanglosen Einzel ­ beobachtungen, wie sie sich aus den Situatio ­ nen des Expeditionsalltags im Umgang mit Angehörigen dieser Stämme, auf der Fluß ­ fahrt, im Lager oder in den Dörfern, er ­ gaben, weder neues Tatsachenmaterial noch allzuviele völkerkundliche Angaben über ­ haupt. Doch ist der grundsätzliche Unter ­ schied in Lebensweise und kulturellem Ge ­ samthabitus zwischen den seßhaften Maniok ­ bauern der Makiritare und den schweifen ­ den Guaharibo, die zwar keine Wildbeuter im strengen Sinn, aber auch keine echten Pflanzer sind, gut erfaßt. Wie unzulänglich aber die Möglichkeiten ethnologischer Feld ­ arbeit gerade unter diesen Stämmen genutzt wurden, wird deutlich, wenn man zum Ver ­ gleich die Forschungsergebnisse heranzieht, die die Frobenius-Expedition 1954/55 nach Venezuela aus ihrem nur wenig südlicher ge ­ legenen Arbeitsgebiet heimgebracht hat (s. den vorläufigen Bericht von R. Zerries in „Paideuma“, Bd. 7, H. 3, April 1956, S. 181 ff.). Eine deutsche Ausgabe des Buches erschien unter dem Titel „Welt ohne Weiße“ im Ver ­ lag von F. A. Brockhaus, Wiesbaden (370 S. r mit 29 Textabb. und Tafelbildern). Dr. Fritz Montfort hat den französischen Text zuver ­ lässig und gewandt übertragen und ist der fesselnden Darstellung, die das Abenteuer dieser Reise in Gheerbrants Erlebnisbericht gefunden hat, nichts schuldig geblieben. Un ­ verständlich ist, weshalb der Übersetzer durchgängig das Wort „hamac“ statt „Hän ­ gematte“ gebraucht. Eine Liste aller wich ­ tigen Fremdwörter sowie ein Namens- und Sachregister vervollständigen die deutsche Ausgabe, die der Verlag mit gewohnter Sorgfalt ausgestattet hat. Jäger MAXIMILIAN PRINZ ZU WIED: Unveröffentlichte Bilder und Handschrif ­ ten zur Völkerkunde Brasiliens. Unter Mitarbeit von Josefmc Huppertz, Udo Oberem und Karl Viktor Prinz zu Wied herausgegeben von ]osef Röder und Her ­ mann Primborn. 150 S. Mit 16 Abb. und einer Buntbildermappe F. Dümmlers Ver ­ lag, Bonn, Hannover, Stuttgart 1954. Broschiert DM 12.S0 Auf dem Amerikanisten-Kongreß in Cam ­ bridge konnten Karl Viktor Prinz zu Wied und Josef Röder die überraschende Mittei ­ lung machen, daß sich im Familienarchiv zu Neuwied die Originalhandschriften und Zeichnungen zu den großen Werken des Prinzen Maximilian zu Wied erhalten hät ­ ten. Da die Werke, die der Prinz über seine Reisen in das innere Brasiliens (1815—1817) und Nordamerikas (1832—34) verfaßt hat, zu den Klassikern der Völkerkunde und Na ­ turgeschichte gehören, ist es ganz besonders zu begrüßen, daß das wiederentdeckte wich ­ tige Material in Gemeinschaftsarbeit sogleich untersucht worden ist. Die erhaltenen Manuskripte liegen in einer Art „Tagebuch“ in drei Bänden vor, das auf Grund der ersten, in kleinen Heften eingetra ­ genen Notizen abgefaßt worden ist, sowie in einer zweiten, vierbändigen Fassung des Reiseberichtes, die eigenartigerweise erst nach der Veröffentlichung des Werkes vom Prinzen aus unbekannten Gründen nie ­ dergeschrieben worden ist. Wichtiger noch als dieses schriftliche Material, das interes ­ sante Vergleichsmöglichkeitcn mit dem ge ­ druckten Text gestattet, sind die im Fand-