186 Buchbesprechungen geringer Bedeutung gewesen sind. Wenn auch zugegeben werden muß, daß die Bedeutung von Substratvölkern im allgemeinen weit un ­ terschätzt, die der Überwandernden dagegen ebensoweit überschätzt wird, so muß doch ge ­ fragt werden, ob von Eickstedt zu seiner Meinung nicht dadurch gekommen ist, daß er Verhältnisse und Abläufe bei Nomaden als Vorbild genommen hat, etwa den Hunnen ­ zug oder die Reichsgründung eines Chingis Khan. In diesen beiden Fällen sind es (wie bei Nomaden immer) tatsächlich nur kleine Gruppen, die große Räume umgekrempelt haben. Aber waren d i e Mitanni, d i e Kas- siten, d i e Hethiter wirklich Nomaden? Das ist nicht nur ungewiß, sondern höchst unwahr ­ scheinlich. Auch für ein Nomadentum des alten medischen und persischen Volkskerns spricht nichts, obwohl dies zeitlich eher mög ­ lich wäre. Ist daher nicht doch an richtige Völkerwanderungen im Sinne der germani ­ schen zu denken, wenn von jenen Völkern die Rede ist? Auch in diesem Falle dürfen wir uns natürlich keine Millionen auf der Wanderung vorstellen — aber die später Unterworfenen waren zahlenmäßig wohl auch nicht allzu stark, und dann müßte man eigentlich an ­ nehmen, daß sich außer Sprache und Namen auch Blut und Volkstum der Überlagernden erhalten hätten oder mindestens, daß diese im Typenbild noch immer auftreten, wenn sich das Somatische so zäh hält, wie v. E. zeigt. Der Autor sagt, daß vieles habe noch offen bleiben müssen. Hoffentlich kann er selbst auf diesem höchst bedeutsamen Sektor Weiter ­ arbeiten. Seine Ansätze sind so glänzend, daß man von weiteren Arbeiten mit Sicherheit auch weitere Klärung erwarten darf. F. Kussmaul FRANZ ALTHEIM: Geschichte der Hunnen. 1. Band: Von den Anfängen bis zum Ein ­ bruch in Europa. Mit Beiträgen von Robert GöbUHans-Wilhelm Haussig!Ruth Stiehl! Erika Trautmann-Nehring. Berlin: Walter de Gruyter & Co. 1959. 463 S., geb. DM 96.—. 2. Band: Die Hephthaliten in Iran. In Zu ­ sammenarbeit mit Ruth Stiehl. Mit Bei ­ trägen von Zelik I. JampolskilEugen Lozo- van/Feodora Prinzessin von Sachsen-Mei ­ ningen! Erika Trautmann-Nehring. Berlin: Walter de Gruyter & Co. 1960. 329 S., geb. DM 65.—. Die beiden vorliegenden Bände behandeln Fragen der Hunnengeschichte vor dem Ein ­ bruch in Europa. Der erste ist mehr den eigentlichen Hunnen gewidmet, der zweite so gut wie ausschließlich deren „Brüdern“, den Hephthaliten (Weiße Hunnen). Das Werk unterscheidet sich sehr eindeutig von dem, was man gemeinhin ein Geschichtswerk nennt, nämlich die Darstellung eines auf Grund von Quellen nachgezeichneten historischen Ab ­ laufs. Vielmehr hat der Autor eine große Zahl von Einzeluntersuchungen aneinander ­ gereiht, die großenteils zum Fragenkreis „Hunnen“ gehören, gegliedert in Kapitel, die einzelne Themenkreise des Gesamtproblems herausgreifen. Dabei werden linguistisch ­ philologische, prähistorische, historische, geo ­ graphische und vielerlei kulturhistorische Ge ­ gebenheiten, Aspekte und Probleme erörtert und wird auf dieser breiten Basis versucht, die Hunnenfrage im ganzen voranzutreiben. Um es vorweg zu .sagen; Sicher hat Alt ­ heim (zusammen mit seinen Mitarbeitern) eine beachtliche Zahl von Einzelfragen ge ­ fördert und teilweise gelöst. Seine Quellen ­ kenntnis, seine Sprachkenntnisse, sein Spür ­ sinn und sein eminent historisches Gefühl sind ihm dabei zugute gekommen. Ob er aber seine Kernfrage, das Problem der hunnischen Früh ­ geschichte, gelöst hat, muß vorläufig offen bleiben. Die beiden Bände sind im Aufbau verschie ­ den. Der erste behandelt in vier Büchern 1) die Anfänge der Hunnen, 2) Vorausset ­ zungen und Gleichzeitigkeiten, 3) das kul ­ turelle Erbe und 4) den Einbruch in Europa. Altheim diskutiert hier bekannte und bisher nicht beachtete Quellen und baut mit ihrer Hilfe sein trotz aller Vielschichtigkeit er ­ staunlich geschlossenes Bild der Hunnen ­ geschichte. In seiner Darstellungsart scheint mir aber eine Gefahr für den Leser zu liegen; Quellen und Quellendeutung sind nicht ge ­ nügend getrennt und am Ende weiß man oft nicht mehr so ganz genau, was Qucllenbestand und was Interpretation ist. Das ist um so wichtiger, als die Quellen offenbar der Inter ­ pretation weiten Raum lassen. So jedenfalls muß man urteilen, wenn man die vielen, oft sehr hart vorgetragenen Kontroversen in al ­ len Teilen des Bandes (beider Bände) betrach ­