Rationalisierte Hausarbeit
Die Küche im Neuen Bauen*
Von HEINZ HIRDINA
Die zwanziger Jahre sind entscheidende Jahre für eine Programmatik, in deren Zen
trum die arbeitenden Massen stehen: Standardprodukte entstehen, und Standardwohnun
gen werden gebaut, die auf der Gleichartigkeit elementarer Lebensbedürfnisse der
lohnabhängigen Klassen und Schichten beruhen. Das Massenprodukt wird zur erst
rangigen Gestaltungs- und Bauaufgabe.
Träger dieser nicht nur sozial, sondern auch technologisch und ästhetisch neuartigen
Aufgaben sind Architekten, Künstler und Publizisten, die sich selbst als Vertreter des
Neuien Bauens bzw. der Neuen Gestaltung bezeichnen - zwei Begriffe, die durch die
gemeinsame Orientierung auf die Funktion zusammengehalten werden: Haus und
Hausgerät, Kleidung und Typographie, Bildung und Erziehung werden neu durch
dacht und von einem Gebrauch her neu gestaltet, der vieldimensional ist und von der
psychischen bis zur politischen Dimension reicht.
Im Neuen Bauen bzw. der Neuen Gestaltung hat der Funktionalismus in Deutsch
land seinen klassischen Ausdruck gefunden, in der Wohnung hat er sein Zentrum gehabt.
Im Funktionalismus drückt sich ein neues Epochenverständnis aus, das sich bei vielen
Künstlern und Architekten als Folge der Novemberrevolution und mit dem Blick auf die
junge Sowjetunion entwickelt. Das sollte bewußt bleiben, muß aber hier nicht erörtert
werden. Kurt Junghanns hat dazu Gültiges gesagt. Historisch zum ersten Mal erscheint
als soziale Bauaufgabe die Wohnung als jedem zustehende „mietbare Ration“ (Gro-
pius) - eine Reaktion auf in überbelegten Wohnungen und Elendsquartieren zusam
mengepferchte Menschen. Von dieser Wohnungsnot waren in erster Linie die Arbeiter
betroffen, und sie wohnten auch zur Miete im Gegensatz zum wohlhabenden Bürger,
der weder zur Miete wohnte noch sich mit Standardprodukten als dem Ausdruck gleich
artiger Bedürfnisse anfreunden konnte.
Die Vorschläge für eine neue Art zu wohnen bezogen sich aber vor allem auf die
Mietwohnung. Einige dieser Vorschläge sind in hundert, in tausend, mitunter auch in
Tausenden von Wohnungen realisiert worden. In einem kleineren Teil dieser Woh
nungen haben Arbeiter gewohnt, in einem größeren Angestellte. Die Gestaltung war
an den Lebensbedingungen der Arbeiter und kleinen Angestellten orientiert, an einer
Lebensweise, in der Sparsamkeit und Rationalität eine wesentliche Rolle spielten und
in der die im Arbeitsprozeß geforderte Disziplin und Ordnung nicht ohne Einfluß
blieben. Räumlich und gegenständlich zeigte sich jetzt auch im Wohnen, daß die ver
gesellschaftete Produktion Formen und Normen hervorbringt, deren kultureller Wert
nicht mehr bestritten wird und die deshalb in ihrer ästhetischen Erscheinung auch nicht
mehr verborgen oder imitativ kaschiert v/erden müssen. Im Gegenteil: Sie werden —
mitunter sogar demonstrativ - vorgeführt.
* Mit Abb. 1-6 im Text und Taf. IX-XVI im Tafelteil.