Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

B. Referate. Anthropologie. 
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unter einander weit grösser als man gewöhnlich annimmmt. L. wünscht 
vor allem, dass dem Begriff Inzucht eine genaue Definition gegeben und 
festgestellt werde, in welcher Breite die Verwandtschaft resp. bei welcher 
Ähnlichkeit die Inzucht günstige Resultate, erzielt, ob die Inzucht im engeren 
Sinne (wie bei den Tieren) oder ob der Ahnenverlust in höheren Reihen 
sich als fortschrittliches Prinzip erweist. Verf. glaubt das Erste vermuten 
zu können. Er weist übrigens darauf hin, dass konsanguine Ehen vielfach 
Interessen- nicht Neigungsehen seien und dass deren Kinder die der gesamten 
Entwickelung günstigen Faktoren weit weniger geniessen als andere. Deshalb 
dürften auch auftretende Anomalien bei diesen nicht als rein degenerative 
Inzuchterscheinungen aufgefasst werden. Von den Beobachtungen, welche 
die Unschädlichkeit der Verwandtschaftsehen betonen und von P. mitgeteilt 
werden, sind am bekanntesten jene von Voisin auf die Gemeinde Batz (Frank 
reich) bezüglichen, wo trotz Jahrhunderte langer Inzucht sich die behaupteten 
Degenerationserscheinungen nicht fanden, und die von Ancelon, dass in 
Dieuze (Frankreich) Verwandtschaftsehen günstigere Erfolge aufweisen als 
die anderen. 
Bei seinen Untersuchungen hat Peipers gefunden, dass sich die Resultate 
der statistischen Bureaux, der Standesämter, die Zählkarten der Kranken 
anstalten aus verschiedenen Gründen nicht genügend verwerten, jedenfalls 
zu direktem Vergleich nicht benutzen liessen, da der Begriff der Blutsver 
wandtschaft nicht gleichmässig eingeschränkt wurde, z. T. auch offizielle 
Nachweise über die Blusverwandtschaft der Ehegatten nicht geführt wurden. 
Darauf hat Verf. verschiedene Anstalten für Geisteskranke, Epileptische, 
raubstumme und Blinde einer Untersuchung unterzogen. Unter 495 Epilep 
tikern von Bethel-Bielefeld mit bekannter Abstammung stammten 3 aus 
Oeschwisterkinderehen, 7 von entfernten Verwandten; von 2450 Zöglingen 
derselben Anstalt war nur 1 ebenso entsprossen. Von 220 Zöglingen 
Oer Taubstummenanstalt zu Brühl waren 2,3 °/ 0 konsanguinen Ursprungs, 
oder 1,6 °/ 0 der Ehen, welche taubstumme Kinder hatten, waren konsanguin. 
der Taubstummenanstalt zu Essen waren 3,8 °/ 0 , iu jener zu Neuwied 
6,10/ o ( un ter 65) der Kinder konsanguinen Ursprungs. In der Blinden 
anstalt zu Bonn waren von 1720 Fällen l,16°/ 0 der Ehen von Geschwister 
kindern oder von Onkel und Tante entsprossen. 
Des weiteren hat P. versucht, durch den modernen Weg eines Zeitungs 
aulrufes in den Besitz von Ehen konsanguinen Ursprungs zu gelangen, an 
welche er dann ins Einzelne gehende Fragebogen versandte. Der Erfolg 
Ny ar noch kein befriedigender, besonders wohl auch, weil die Presse nicht 
genügend Entgegenkommen zeigte. Gleichwohl glaubt Verf., dass das Studium 
u,l r auf diesem Wege einen Erfolg haben werde(?), besonders dann, wenn 
8j ch ein persönlicher Besuch in den Familien anscliliessen lässt. Bei jenen 
durch private Mitteilung zur Kenntnis des Verf. gelangten konsanguinen
        

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