Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

B. Referate. Anthropologie. 
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gegen die Widerstandsfähigkeit desselben sogar erheblich zugenommen habe. 
Aus der hohen Kindessterblichkeit zieht K. andere Schlüsse, als dies mancher 
Anthropologe erwarten würde; indem er sie z. B. mit den Aushebungser 
gebnissen der 89 französischen Departements vergleicht, versucht er fest 
zustellen, dass von einer Auslesewirkung der Säuglingssterblichkeit keine 
Rede sein kann, da die junge Mannschaft durchaus nicht etwa kräftiger 
war, wenn auch die Sterbensgefahr in den untersten Altersstufen sich 
ziemlich hochstellte. Die Voraussetzungen der Auslesetheorie sieht er dem 
nach durch diese Thatsache direkt widerlegt. Die Frage der Säuglings 
sterblichkeit hängt nicht von der Höhe des Kulturzustandes, sondern viel 
mehr von der Ernährung der Säuglinge ab. Der Säugling gedeiht am 
besten an der Mutterbrust und jede Abweichung von dieser ersten Mutter 
pflicht rächt sich bitter am Leben der Kinder. Doch hat dies mit dem 
Kulturfortschritt wenig zu thun, da die Unfähigkeit oder Unwille vermögender 
Frauen, ihre Kinder selbst zu stillen, im Altertume stark verbreitet war; 
bereits Soranus spricht von künstlichen Kindernährmitteln und künstlichen 
Brustwarzen. 
Aber auch die Ergebnisse der KrankheitsStatistik lehren uns, dass von 
einer Entartung unserer Generation durchaus nicht die Rede sein kann. So 
ist es z. B. nachgewiesen, dass im preussischen Heere vom J. 1829 bis 
1899 die Krankheitsfälle an Schwindsucht und Typhus erheblich abgenommen 
haben. Dasselbe gilt von den Geschlechtskrankheiten, vom Alkoholismus 
und von den Geisteskrankheiten, deren scheinbares Überhandnehmen vielfach 
ganz falsch beurteilt wird. Die Neurasthenie bezeichnet K. als eine Kinder 
krankheit unserer Kultur, die sich sicher auch vermindern wird, wenn sich 
das Tempo des jetzigen Fortschrittes einmal verlangsamt. Die künftigen 
Geschlechter werden gewiss auch in richtiger Verfolgung einer geistigen 
Hygiene Gegenmittel ausfindig machen, um der nervösen Überreizung ent 
gegen zu arbeiten. Als ein Zeichen des Fortschrittes ist jedenfalls auch 
die nachweisbare Abnahme der Zahl der Blinden und Taubstummen zu be- 
o-rüssen. Sowie der üble Einfluss des städtischen Lebens auf die Körper 
entwickelung seiner Ansicht nach stark überschätzt wird, verhält er sich 
gegen die angebliche Entartung des modernen Weibes sehr skeptisch. Er 
findet, dass selbst die Statur der alten Germanen, soweit man nach den 
Skeletten der altgermanischen Gräber urteilen darf, von jener der heutigen 
Deutschen gar nicht erheblich abweicht. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt 
K. bei der Beurteilung der vermeintlich üblen Folgen der Rassenmischung 
ein, sowie der Thatsache, dass der dolichocéphale mitteleuropäische arische 
Schädel langsam, aber sicher durch einen brachycephalen, unarischen in 
ganz Mitteleuropa verdrängt werde. Dr. 0. v. Hovorka-Wien.
        

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