Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

276 
B. Referate. Anthropologie. 
Entwicklungsbahn des Menschen mehr und mehr entfernten, schrumpfte der 
Bestand der Primatoiden zusammen und gliederte sich einerseits in die 
Halbaffen, die Affen und die Menschen. Die grosse Masse der jetzigen 
Säugetiere haben wir demnach als einseitige Umprägungen von Anfängen 
aus, die unserer Entwicklung viel näher verwandt waren, als die gegen 
wärtigen Endresultate es sind, zu betrachten. Mit Recht bekämpft Yerf. 
die viel verbreitete Annahme, dass die Affen als Vorläufer des Menschen 
anzusehen seien, dass das Studium ihres Organismus also von besonderer 
Bedeutung für die Ergründung der Vorgeschichte des Menschen wäre. 
Affen und Menschen gingen aus einer gemeinsamen Wurzel hervor. 
Für diesen gemeinsamen Vorfahren nimmt Klaatsch ein Wesen an, das in 
halbaufrechter Kletterstellung einherging bei gemässigten Proportionen des 
Rumpfes und der Gliedmaassen, d. h. bei Armen und Beinen von annähernd 
gleicher Länge, ferner mit Händen und Füssen zum vollständigen Greifen 
ausgestattet war, eine ziemlich voluminöse Hirnkapsel, und wohl ent 
wickelte Kauwerkzeuge, aber dennoch kein Extrem der Ausbildung irgend 
einer Zahngruppe aufwies. Aus diesem Zustand entwickelte sich der Mensch 
in einfacher Weise, indem die Hirnkapsel sich weiter vergrösserte und stärker 
sich wölbte, der Rücken sich vollends aufrichtete (stärkere Abknickung der 
Lendenwirbelsäule gegen das Kreuzbein) und der Fuss aus einem Greiforgan 
zu einem Stützapparat wurde. — Der Mensch ist monophyletischen Ur 
sprunges, was Klaatsch dahin verstanden wissen will, dass in einem be 
grenzten Gebiete der Erde sich an einer Gruppe der Urprimaten diejenigen 
Veränderungen vollzogen, die uns jetzt als menschliche imponieren. Als 
den betreffenden Himmelsstrich vermutet Kl. den Malaiischen Archipel; im 
besonderen meint er mit Schoetensack, dass der australische Kontinent alle 
Erscheinungen erfüllte, die für die Heranbildung des Menschen aus einer 
niederen Form erforderlich waren. 
Diesen Betrachtungen ist die erste Hälfte des Werkes gewidmet. Sa 
geistvoll dieselben auch sind, so können wir uns doch nicht versagen, hier 
besonders zu betonen, dass sie noch manches Llypothetisches enthalten, wenn 
gleich man hier und dort eine innere Wahrscheinlichkeit der Dinge wird 
zugeben müssen. Solange aber keine strikten Beweise für wissenschaftliche 
Probleme vorliegen, gehören diese nur vor das Forum wissenschaftlicher 
Kreise, und noch nicht vor die grossen Massen, wie im vorliegenden Falle. 
Der zweite Abschnitt behandelt das erste Auftreten des Menschen zur 
Diluvialzeit, die Eiszeit und ihre Beziehung zu den ältesten Kulturstätten 
in Europa, die Ausbreitung des diluvialen Menschen, seine Wohnungen, 
Kulturerzeugnisse und seine körperliche Erscheinung. Besonders das letzte 
Kapitel, das hoch wissenschaftlich gehalten ist und von einer eingehenden 
Beschäftigung des Verfassers mit der Materie beredtes Zeugnis ablegt, ver 
dient volle Beachtung, insofern der Verfasser darin viele neue Gesichtspunkte
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.