Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

B. Referate. Ethnologie. 
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ist schwer zu beantworten, denn wir fragen uns meistens nie: „Wie denkt 
das der Eingeborene?“ sondern wir suchen nach dem besten Ausdruck in 
unserer eigenen Sprache. Im Grunde genommen müssen ja die Gesetze des 
menschlichen Denkens von allen Sprachen unabhängig sein. Sicher entspricht 
wohl keine Sprache diesen Gesetzen am besten, mit grösster Wahrscheinlich 
keit vielleicht das Chinesische. Unser Autor hält es für möglich, dass ein 
Mensch, der zunächt in einer Sprache denken gelernt hat, eine zweite ganz 
verschiedene richtig denken lernen und dass ein Kind zugleich in zwei 
Sprachen denken lernen kann. 
Die ursprüngliche Bedeutung und Entstehung der Flexionen der indo 
germanischen Gruppe kann z. Z. nicht befriedigend erklärt werden; wir müssen 
andere Sprachen wissenschaftlich zergliedern, die vielleicht in ihrem Bau 
klarer sind und auf den der indogermanischen Sprachen Streiflichter werfen 
könnten und vielleicht wird auf amerikanischem Boden die sprachgeschicht- 
liche Forschung einige ihrer ergiebigsten Minen finden. 
Die Agglutinationstheorie als Erklärung der Flexionen ist nach Yerf. 
insofern richtig, als Flexion nach seiner Auffassung in Zersetzung über 
gegangene Agglutination ist. Der Yerfall beginnt durch phonetische Ur 
sachen und wird nicht mehr durch psychologische Gründe der Klarheit auf 
gehalten. Die meisten agglutinierenden Sprachen zeichnen sich durch grosse 
Regelmässigkeit des Baues aus; dieselbe grenzt manchmal für den an Flexion 
gewohnten Forscher geradezu ans Unglaubliche. Die bei den agglutinierenden 
Sprachen primitive Einfachheit verliert sich allerdings gegen das Ende der 
Entwicklung beim Übergang zur Flexion. In den flektierenden Sprachen 
bildet sich erst von neuem eine Einfachheit heraus, indem die Endungen 
zusammenschmelzen und schliesslich abfallen, während andererseits die Be 
ziehungen durch neue Hilfsworte ausgedrückt werden, die wieder mit einer 
Regelmässigkeit verwandt werden, die der Agglutinationsregelmässigkeit ent 
spricht. Auf diesem Wege ist das Englische weiter fortgeschritten als 
irgend eine andere europäische Sprache. — Das Wesen des Zustandes der 
Flexionslosigkeit einer Sprache wird am besten am Chinesischen ersehen. 
Dies ist keineswegs, wie durch Schleicher verbreitet wurde, der lypus der 
Ursprachen, aus denen später die agglutinierenden Sprachen hervorgegangen 
sein sollten, sondern die feste Wortstellung des Chinesischen hat sich erst 
allmählich entwickelt beim Übergang von einer älteren flexivischen Sprach- 
stufe zur heutigen flexionslosen. „Eine so streng logische Gliederung, wie 
sie das heutige Chinesische aufweist, ist auch schlechterdings dem Urmenschen 
nicht zuzutrauen, sie ist vielmehr die höchste sprachliche Errungenschaft 
des Menschengeistes, denn sie ermöglicht es, mit der geringsten Kraft 
anstrengung die Beziehungen der Begriffselemente klar und deutlich auszu 
drücken. Das Chinesische ist also vom psychologischen Standpunkt die 
höchstentwickelte Sprache, die wir kennen.“
        

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