Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

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ß. Referate. Ethnologie. 
Typus. Diese Brahmi-Schrift ist in Indien als Gupta-Schrift 2 ) während des 
4.—8. Jahrhunderts in Gebrauch gewesen. Die Sprache von sieben „Pothis“ 
ist Sanskrit, die der übrigen sechs ist noch nicht erschlossen. Hoernle 
glaubt, dass die Nachforschungen eher in der Richtung der monosyllabisch 
tibetischen Sprachen als in der der turk-mongolischen einzusetzen seien. 
Auch mit der historisch-politischen Entwicklung Turkestans steht die 
obige Datierung in bestem Einklang. Es handelt sich um buddhistische 
Schriftwerke, und seit dem 8. Jahrhundert hat der buddhistische Verkehr 
zwischen Indien und Centralasien, von ganz vereinzelten Ausnahmen abge 
sehen, geruht. Die muhammedanische Invasion im 9. und 10. Jahrhundert 
bedeutete für die gesamte buddhistische Kultur Ostturkestans einen unauf 
haltsamen Niedergang, sodass es auch unter diesem Gesichtspunkt wenig 
wahrscheinlich ist, dass eine spätere Zeit buddhistische Schriftstücke in 
kalligraphischer Vollendung hervorbrachte. 
Was die Handschriften auf einzelnen Blättern betrifft, so finden sich 
darunter chinesische, persische und sprachlich unbekannte Dokumente. Die 
chinesischen gehören der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts an und scheinen 
aus einer Registratur der chinesischen Landes-Regierung zu stammen; die 
Schrift ist mit einem Pinsel auf das ungleich gearbeitete, von Wasserlinien 
netzartig durchzogene Papier aufgetragen. Die persischen Dokumente dürften 
sämtlich in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts zu setzen sein; ihre Ver 
öffentlichung soll durch den Oxforder Professor Margoliouth erfolgen. Der 
gleichen Periode scheinen von den Schriftstücken in unbekannten Sprachen 
diejenigen anzugehören, deren Schrift — und vielleicht auch Sprache — 
uigurisch ist; die übrigen zeigen eine kursive Brahmi-Schrift, die ungefähr 
zu derselben Datierung Anlass giebt. Soweit die bisherigen sprachlichen 
Untersuchungen dieser letzteren Dokumente einen Schluss gestatten, ver 
mutet Hoernle hier einen indo-iranischen Dialekt, der nach gewissen Pamir- 
Sprachen hinweist. 
An den Terrakotten und anderen kunstgewerblichen Gegenständen 
hebt Dr. Hoernle besonders die eigentümliche Ähnlichkeit mit den Erzeug 
nissen altgriechischer Kunst hervor. Alle Gefässe sind aus sehr hartem, 
gebrannten, rötlichen Thon; die Ornamente sind teils erhaben angebracht, 
teils eingeschnitten. Unter den mannigfachen Formen der Krüge und Vasen 
begegnen wir solchen mit drei Henkeln, wie sie, aber nur ganz selten, in 
der frühesten griechischen Keramik auf Mykenae und Cypern Vorkommen, 
während die klassisch-griechische Periode sie entbehrt. Die Henkel sind 
meistens in Gestalt von Tieren oder Greifen gearbeitet, ein der griechischen 
Kunst wenig vertrauter Stil. Die Reliefornamente sind separat hergestellt 
und den Thongefässen erst vor dem Brennen angefügt; sie lösen sich leicht 
2) Benennung nach der Gupta-Dynastie Indiens (319—480).
        

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