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Volltext: Der Erdball, 4.1930

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Arussi-Ehe. 
Ans dem Ehe- und Liebesieben der Arussi-Galla in Abessinien. 
Von Ernst Heinrich Schrenzei. 
Mit 5 Abbildungen auf Tafelseite 22 und 23. 
Ogito liegt genau am Rande der 
ungeheuren dunklen Scheibe, die 
in die sonnendurchglastete Steppe 
gesenkt ist, blinzelt in das flim 
mernde Licht, in das schon seine 
braune Hand greift, wenn sie die 
sorgsam gefalteten Büschel Heu in 
das offene Maul des Kameles steckt. 
Weit hinter ihm ragt der Stamm 
des wilden Feigenbaumes wie ein 
wuchtiger, tief zerklüfteter Fels 
auf, und die wundervolle Krone 
dieses Riesen macht aus Tropen 
sonnenglut einen wohligen Bezirk 
tiefen Schattens, in dem sich Her 
den sammeln, Karawanen ruhen, 
ganze Dörfer ihren Markt ab 
halten. Das Kamel vor Ogito aber 
steht schon im grellen Licht, frißt 
gemächlich das dargereichte, wiegt 
den Kopf und scheuert sich in lang 
samem Hin- und Herbewegen das 
Hinterteil an einem Dornbusch. 
An einem seiner Beine hockt wie 
ein Specht ein Madenhacker und 
schlägt mit dem Schnabel in die 
Haut, die wie rissige Baumrinde 
die Sehnen umkleidet. Ogito 
blickt durch die vier Säulen dieser 
Beine über das dürre Steppengras 
und die blühenden Aloen hinweg 
auf den Akaki, der seine seichten 
Wellen über den Sand rollt, und 
auf das jenseitige Ufer, wo vor 
den blaßgrünen Leuchtern einer 
Kandelabereuphorbie eine Statue 
aus Bronze in der Sonne zu tanzen 
scheint. Stundenlang schon liegt 
er hier flach auf dem Boden, 
mechanisch seinem Kamel die 
Bissen bereitend, und da drüben 
wäscht das Arussi-Mädchen. Das 
heißt: auf einer Kuhhaut, die in 
einer Sandmulde liegt, treten zwei 
nackte Füße rhythmisch ein paar 
nasse Leinenstücke. Blaue Glas 
perlen glitzern an den Fuß 
gelenken, leicht heben und senken 
sich die Knien und die sehnigen 
Schenkel, ein kleiner Lenden 
schurz deckt die Scham, wenn er 
nicht gerade im Winde flattert, 
und über ihm wiegt sich der junge 
Leib, zittern die Brüste im Sprung, 
kreuzen sich die Hände unterm 
Nacken, dessen sattes Braun in der 
Sonne leuchtet. Sie singt zu die 
sem Tanz des Wäschewaschens, zu 
dieser spielerischen Hausfraulich 
keit tief im Arussiland. 
Ogito blinzelt durch die Sonne 
zu ihr hin und sieht oft nach ihrem 
Kopf, der das Haar in vielen 
feinen Zöpfchen trägt — Zeichen 
ihrer Jungfräulichkeit. Jetzt hält 
sie inne im Tanz, wäscht das Bün 
del in fließendem Wasser und 
rüstet sich zum Heimweg. Da ruft 
Ogito hinüber: „Du Mädel, wie 
heißt Du?“ — „Temenjut, Tochter 
des Botas Aroba. — Und Du?“ — 
„Ogito, Tetschos Sohn. — Und wo 
liegt der Kral Deines Vaters?' — 
„Hinter dem zweiten Kaktushügel. 
Mein Vater hat siebzehn Kinder. 
Er hat drei Strauße gefangen. — 
Guten Tag!“ — Sie hat einen Krug 
Wasser aufs Haupt gehoben, die
	        
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