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Arussi-Ehe.
Ans dem Ehe- und Liebesieben der Arussi-Galla in Abessinien.
Von Ernst Heinrich Schrenzei.
Mit 5 Abbildungen auf Tafelseite 22 und 23.
Ogito liegt genau am Rande der
ungeheuren dunklen Scheibe, die
in die sonnendurchglastete Steppe
gesenkt ist, blinzelt in das flim
mernde Licht, in das schon seine
braune Hand greift, wenn sie die
sorgsam gefalteten Büschel Heu in
das offene Maul des Kameles steckt.
Weit hinter ihm ragt der Stamm
des wilden Feigenbaumes wie ein
wuchtiger, tief zerklüfteter Fels
auf, und die wundervolle Krone
dieses Riesen macht aus Tropen
sonnenglut einen wohligen Bezirk
tiefen Schattens, in dem sich Her
den sammeln, Karawanen ruhen,
ganze Dörfer ihren Markt ab
halten. Das Kamel vor Ogito aber
steht schon im grellen Licht, frißt
gemächlich das dargereichte, wiegt
den Kopf und scheuert sich in lang
samem Hin- und Herbewegen das
Hinterteil an einem Dornbusch.
An einem seiner Beine hockt wie
ein Specht ein Madenhacker und
schlägt mit dem Schnabel in die
Haut, die wie rissige Baumrinde
die Sehnen umkleidet. Ogito
blickt durch die vier Säulen dieser
Beine über das dürre Steppengras
und die blühenden Aloen hinweg
auf den Akaki, der seine seichten
Wellen über den Sand rollt, und
auf das jenseitige Ufer, wo vor
den blaßgrünen Leuchtern einer
Kandelabereuphorbie eine Statue
aus Bronze in der Sonne zu tanzen
scheint. Stundenlang schon liegt
er hier flach auf dem Boden,
mechanisch seinem Kamel die
Bissen bereitend, und da drüben
wäscht das Arussi-Mädchen. Das
heißt: auf einer Kuhhaut, die in
einer Sandmulde liegt, treten zwei
nackte Füße rhythmisch ein paar
nasse Leinenstücke. Blaue Glas
perlen glitzern an den Fuß
gelenken, leicht heben und senken
sich die Knien und die sehnigen
Schenkel, ein kleiner Lenden
schurz deckt die Scham, wenn er
nicht gerade im Winde flattert,
und über ihm wiegt sich der junge
Leib, zittern die Brüste im Sprung,
kreuzen sich die Hände unterm
Nacken, dessen sattes Braun in der
Sonne leuchtet. Sie singt zu die
sem Tanz des Wäschewaschens, zu
dieser spielerischen Hausfraulich
keit tief im Arussiland.
Ogito blinzelt durch die Sonne
zu ihr hin und sieht oft nach ihrem
Kopf, der das Haar in vielen
feinen Zöpfchen trägt — Zeichen
ihrer Jungfräulichkeit. Jetzt hält
sie inne im Tanz, wäscht das Bün
del in fließendem Wasser und
rüstet sich zum Heimweg. Da ruft
Ogito hinüber: „Du Mädel, wie
heißt Du?“ — „Temenjut, Tochter
des Botas Aroba. — Und Du?“ —
„Ogito, Tetschos Sohn. — Und wo
liegt der Kral Deines Vaters?' —
„Hinter dem zweiten Kaktushügel.
Mein Vater hat siebzehn Kinder.
Er hat drei Strauße gefangen. —
Guten Tag!“ — Sie hat einen Krug
Wasser aufs Haupt gehoben, die