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Gerhard Schneider
aktionen ausmachte, ist hier bereits verwirklicht: die Wahl eines verbreiteten
Kriegssymbols, das „Opfer“ für einen wohltätigen Zweck, der Bekenntnisakt der
Daheimgebliebenen, der Wille, ein bleibendes Erinnerungszeichen zu schaffen,
und das Festhalten der Namen derjenigen, die sich am Nageln beteiligt haben.
Der sich schnell abzeichnende Erfolg dieses wiederbelebten Brauchs veranlaßte
staatliche und nichtstaatliche Institutionen, sich an die Spitze dieser Bewegung zu
stellen. Am ersten Jahrestag des Kriegsbeginns erhielten alle Gemeinden einen Auf
ruf zugestellt, mit dem die „Nationalgabe Nagelung von Kriegswahrzeichen in
allen Gauen Deutschlands zu Gunsten der Nationalstiftung für die Hinterbliebe
nen der im Kriege Gefallenen“ neue Quellen zur Einwerbung von Spendengeldern
zu erschließen versuchte - „den gefallenen Helden zur Ehre, den Hinterbliebenen
zum Trost und zur Unterstützung, den Städten und Gemeinden zum Ruhm und
der Jugend zur Nacheiferung“. Der Aufruf erschien gleichzeitig auch in fast allen
deutschen Tageszeitungen. Ein wenig später veröffentlichtes Musterbuch der
„Nationalgabe“ wiederholte den Aufruf in leicht modifizierter Version („daß auch
alle kleineren Städte und Gemeinden unseres Reiches dem Beispiel [der größeren
Städte, G. S.] folgen und überall derartige Wahrzeichen errichten. Als unvergäng
liches Ruhmeszeichen für jeden Deutschen sollen sie Aufstellung finden“). Die
Ehrenpräsidentschaft der „Nationalgabe“ hatte Generalfeldmarschall von Hin-
denburg übernommen, von dessen Nennung an der Spitze dieses Gremiums man
sich besonders eifriges Spenden der Bevölkerung versprach. 13 Ganz offen wird die
Hoffnung geäußert, die Nagelaktion würde der „Nationalstiftung“ „neue Geld
quellen eröffnen“, ein Hinweis darauf, daß die Sozialfonds zur Linderung der Not
der Kriegsversehrten und Kriegshinterbliebenen nicht mit den nötigen Mitteln aus
gestattet oder ein Jahr nach Kriegsbeginn bereits erschöpft waren, weil offensicht
lich niemand mit einer derart hohen Zahl Berechtigter gerechnet hatte.
Das Musterbuch der „Nationalgabe“ enthält auf 26 Seiten zwanzig Entwürfe
für Kriegswahrzeichen, die von der „Nationalgabe“ in Auftrag gegeben und deren
Schöpfer von ihr („zu Originalkünstlerpreisen“) auch honoriert worden waren.
Auch wenn sich in der Folgezeit wohl nur wenige Gemeinden entschlossen, diese
Entwürfe unverändert zu übernehmen, so gewann dieses Musterbuch doch Ein
fluß auf die in den Gemeinden späterhin realisierten Nagelobjekte. Das Eiserne
Kreuz, Nagelschilde und Säulen mit Schwert oder Adler und Eisernem Kreuz, Por
tale alter Kirchen und Rathäuser, einfache Tafeln und Stadtwappen, jeweils mit
oder ohne Widmungsinschriften und Jahreszahl 14 werden in den folgenden Mona
ten in vielen Gemeinden genagelt, allerdings meist auf der Basis von Entwürfen, die
13 Der modifizierte Aufruf wird hier zitiert nach dem von der „Nationalgabe“ herausgegebenen
Musterbuch „Entwürfe von Kriegs-Wahrzeichen zum Benageln“, Charlottenburg o. J. (1913),
wie es sich im Stadtarchiv Hannoversch Münden IX 4, 53 („Errichtung eines Kriegs-Wahrzei
chens [Eisernes Kreuz] in hiesiger Stadt“) befindet. Der ursprüngliche Aufruf ist in zahlreichen
Stadtarchiven erhalten geblieben.
14 Musterbuch (wie Anm. 13).