Gerhard Schneider
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„Kriegsaberglauben“ lassen erkennen, daß es - wie auch schon zu früheren Kriegs
zeiten - ein verbreitetes Bedürfnis der Menschen gab, irgendwie heil aus dem Krieg
herauszukommen, und sei es mit Hilfe okkulter Dinge oder Handlungen. Vielfach
belegt ist der auch aus Friedenszeiten bekannte Brauch, den Briefen an die Front
Glücksbringer aller Art beizulegen; dies konnte ein vierblättriges Kleeblatt, ein
geweihtes Amulett, ein Rosenkranz, ein Heiligenbild oder irgend ein anderes Zei
chen sein, von dem der Absender (und wohl auch der Empfänger) ausging, daß es
Glück, und das hieß jetzt: Überleben, garantierte. Erscheinen solche Handlungs
weisen und Vorkehrungen noch harmlos, so ist das Ausmaß, das der „Kriegsaber
glauben“ mit Fortgang des Krieges offensichtlich annahm, von manchen Zeitge
nossen mit einiger Sorge betrachtet worden. „Man glaubt sich in das Mittelalter
und die vormittelalterliche Zeit versetzt, wenn man sieht, wie auch heute Schutz
briefe, Himmelsbriefe, Waffensegen, Amulette, Kettengebete unter unsern Solda
ten im Umgänge sind. Auch bei Offizieren! Wieder hält sich die menschliche Seele
in ihrer Schwachheit an besondere Vorgänge in der Natur, schreibt natürlichen
Stoffen außergewöhnliche Einflüsse auf menschliche Schicksale zu [...]. Man ver
suche nicht mit dem Ernst zu scherzen, mit dem nachweislich Tausende am Aber
glauben hängen.“ 8 Nicht nur, daß man darin einen Abfall vom rechten Glauben
sah; wer Weissagungen und Vorherbestimmtheiten mehr glaubt als dem Befehl
eines Offiziers, auf dessen Gehorsam und Kampfmoral ist kaum noch zu zählen.
Die lange Dauer des Krieges, die immer größer werdenden Zweifel an seinem
glücklichen Ausgang, die ständige Todesgefahr, die lange Trennung von der Fami
lie ließen viele Soldaten wie auch Teile der Zivilbevölkerung Zuflucht nehmen zu
vermeintlich sicher wirkenden Schutzmitteln und zu Prophezeiungen hinsichtlich
des zu einem bestimmten Datum eintretenden Friedens. Und wenn es schon eine
Disposition von Teilen der Bevölkerung gab, sich magischen Dingen zu öffnen, um
wieviel mehr wird man sich solchen Dingen geöffnet haben, wenn diese - wie beim
Nagelbrauch - gewissermaßen öffentlich praktiziert und toleriert wurden!
III. Die Verbreitung des Nageins
Von Wien aus hat der wiederbelebte Brauch des Nageins, wie er sich dann im
Ersten Weltkrieg epidemieartig über das ganze Deutsche Reich und Österreich-
Ungarn verbreitete, seinen Ausgang genommen. In Anknüpfung an den „Stock im
Eisen“, einem benagelten Baumstumpf, um den sich eine in der Bevölkerung noch
8 Wilhelm Schremmer. Der Aberglaube im Kriege. In: Die Dorfkirche XI (1917/18), S. 208. Vgl
auch Bruno Grabinski : Neue Mystik. Der Weltkrieg im Aberglauben und im Lichte der Pro
phetie. Hildesheim 1916 (471 Seiten!). Dort, S. 84 Anm. 1, wird auch die geplante Einrichtung
einer Kriegsaberglauben-Ausstellung in Berlin erwähnt; Friedrich zur Bonsen: Die Prophezei
ungen zum Weltkrieg 1914-1916. Köln 1916.