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Volltext: Zeitschrift für Volkskunde, 95.1999

Zur Mobilisierung der „Heimatfront“ 
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Es erstaunt, daß den Zeitgenossen die Herkunft dieses Brauchs nur selten er 
klärt wurde. Als in Thale am Harz im Herbst 1915 ein Eisernes Kreuz genagelt 
w urde, erschien in der dortigen Tageszeitung ein längerer Bericht 7 , der das Kriegs- 
na geln auf einen „uralten, einst weit verbreiteten, echt germanischen Brauch“ zu- 
bickführte, „mit tiefsinniger, symbolischer - freilich auch abergläubischer - Be 
deutung“. Auch bei Griechen und Römern sei „diese Sitte“ verbreitet gewesen. Der 
Sinn der Nagelungen sei „vom grauesten Altertum an durch alle Zeiten bis auf den 
heutigen Tag derselbe geblieben: Die eingeschlagenen Nägel sollten das Wahrzei- 
c hen sein, ein großes Geschehnis als geschichtliche Tatsache für alle Zeiten festzu 
halten, oder aber ein feierliches Gelöbnis als unumstößlich erfüllbar, gewisserma 
ßen als besch woren, darzustellen, (dem Siegel des Dokumentes gleich) mit erzenem 
h^agel ‘anzunageln’.“ Im folgenden verweist der Autor auf sogenannte Nagelsteine, 
die in der Provinz Sachsen „besonders zahlreich“ seien. Diese bis zu vier Meter 
°nen Steine seien mit bis zu tausend Nägeln gespickt, die „zu abergläubischen 
¿Wecken“ dort eingeschlagen wurden. Der in einen Baum oder einen Stein einge- 
Sc hlagene Nagel galt als „ein Unterpfand und eine Bürgschaft der Hilfe derjenigen 
Gottheit“, der dieser Baum oder Stein geweiht gewesen ist. „Der Wanderer, der 
eine gefährliche Reise unternahm, der Handwerker oder Geschäftsmann, der sei- 
nen ersten selbständigen Schritt ins Leben versuchte, kurz, jeder, der in irgend wel- 
L 'hem Sinne ein Neuling war, wird zu der Gottheit, von der er Hilfe erhoffen durfte, 
gefleht und versucht haben, in den ihr geweihten Stein zur Erkundung ihrer Gesin- 
nung seinen Nagel einzuschlagen. Gelang es, so war der Beweis gebracht, daß ihm 
. le Gottheit hold war, gelang es nicht, so war dies ein ungünstiges Zeichen.“ Nun, 
lrn Jahr 1915, sei dieser Brauch „in neuzeitlichem Gewände zu neuem Leben er 
dacht“. In ihm offenbare sich „die deutsche Eigenart, Wesen und Charakter des 
0l kstums, wie es ursprünglich von Gott und der heimatlichen Natur verliehen 
Un d anerzogen“ wurde, „jene Eigenart, in deren Bahnen allein wir uns wohlfühlen 
Ur *d zu fortschreitender Entwicklung gelangen können, die aber zum größten Teil 
Uns der Letztheit durch Fremdsuggestion verloren gegangen ist“. Anders, als 
^ eite r oben behauptet wurde, zeigt dieser Text, daß in dem jetzt wiederbelebten 
a g e m durchaus die Fortsetzung eines alten, heidnischen Volksbrauches gesehen 
T Ur de. Ohnehin näherten der Opfercharakter, wie er im Kriegsnageln seinen Aus- 
ruc k fand, und das oft mit dem Nageln verbundene Gelübde, alles tun zu wollen, 
Ul y* den Sieg im Krieg herbeizuführen, das im Krieg neubelebte Nageln dem magi- 
c e n Brauchnageln wieder an. 
E)aß derartige magische Vorstellungen gerade unter der Extrembelastung des 
^ 1 le ges auf ein aufnahmebereites Publikum stießen, machen jene uns heute obskur 
^scheinenden Schriftstücke und Zeichen deutlich, die mit Beginn des Krieges of 
fensichtlich große Verbreitung fanden. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema 
^ Die nachfolgenden Zitate entstammen dem Tageblatt für Thale vom 30.10.1915 (Verfasser. 
Theodor Nolte); eine Abschrift des Artikels wurde mir freundlicherweise vom dortigen Stadt 
archiv übermittelt.
	        
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