Buchbesprechungen
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Desai) wird ein planetarischer Einfluß auf Krankheit und Gesundheit als Tatsache
angenommen. Im Beitrag über „das Horoskop als kosmisches Prinzip“ ( Hermann
Meyer) steht die Entfaltung von „Energien“ im Vordergrund. Krankheit wird allein
individualistisch erklärt und die Entfaltung der angesprochenen Energie geradezu als
„aktive Schicksalsprophylaxe“ (S. 76) betrachtet, denn „Krankheit und Leid“ würden
sich dann erübrigen. Wäre es denn so, daß jeder Einzelne den Schlüssel zur Überwindung
seiner Krankheit in sich trüge, so bräuchten wir uns nicht länger für humane Arbeitsbe
dingungen oder eine intakte Umwelt einzusetzen. Dies wäre freilich eine ,schöne neue
Welt’!
Mangelnde Distanz und einseitige Betrachtung findet sich auch in einem naturwis
senschaftlichen Beitrag. Der Aufsatz „Krank durch ,Vererbung’“ ( Werner Schmid) be
schreibt die Genforschung lediglich als Mittel zur Überwindung von Krankheiten. Doch
wer definiert Krankheit? Für einige Forscher scheint bereits Homosexualität eine Krank
heit zu sein, die es auf eine mögliche genetische Ursache hin zu untersuchen gilt. Daß die
Kenntnis des menschlichen Genoms auch für andere Zwecke leicht zu mißbrauchen ist
und daß die gesellschaftlichen Folgen dieses Wissens längst nicht absehbar sind, wird in
diesem Beitrag leider nicht thematisiert.
Genug geschimpft - es gibt auch Anlaß zum Lob. Sehr informativ sind beispielsweise
die Ausführungen von Theres Lüthi. Sie zeigt auf, daß übertriebener Gebrauch von
Antibiotika resistente Bakterien fördert. Gefallen hat auch der Aufsatz von Ilona Möwe,
in dem sie die Angst vor dem Unreinen in der Türkei im ideologischen Kontext be
schreibt. Dieser Angstkomplex bezieht sich nicht ausschließlich auf Hygiene und Krank
heit, vielmehr erfahren wir, daß auch andere Bereiche, so die Religion, aber auch die
Einstellung zu politischen oder ethnischen Gruppen im Land, von einer Biologisierung
betroffen sind: So werden ,Linke’,,Zigeuner’ oder ,Kurden’ als menschliche Mikroben
bezeichnet. Gegen Mikroben aber muß man sich wehren, mit Antibiotika gegen Krank
heit und mit dem Militär gegen Kurden. Positiv zu erwähnen sind auch die Beiträge über
das Phänomen Neid als sozialer Regelmechanismus bei den Matzateken in Mexiko ( Dario
Donati) und über Tabubrüche bei den australischen Aborigines (Janice Reid). Im letzt
genannten Aufsatz wird die soziale Funktion des Tabus beschrieben und die Vorstellung
individueller Verantwortung für Krankheit und Gesundheit bei den Aborigines hervor
gehoben. Besondere Anerkennung verdient Sabina Roths Beitrag über die Naturheilbe
wegung um 1900. Er zeigt nicht nur, wie sehr Naturheilverfahren versuchen, mit Moral
zu heilen, sondern macht auch deutlich, wie sehr sie dazu dienen, „Frauen und Männer
den neuen Bedingungen des städtisch-industriellen Lebens anzupassen“ (S. 284).
So bleibt denn zum Schluß festzuhalten, daß die Beiträge des Katalogs von sehr
unterschiedlicher Qualität sind. Aktuelle Diskurse etwa zur Bioethik oder (Früh-)Eut-
hanasie, die im direkten Zusammenhang mit dem Thema Krankheit und Gesundheit
stehen, werden leider gar nicht berücksichtigt. In vielen Beiträgen klingt eine gewisse
Sympathie für sogenannte alternative und/oder spirituell orientierte Heilverfahren an, in
der sich eine Abkehr vom Prinzip der Vernunft erkennen läßt. Symptomatisch hierfür
ist die Kommentierung der Radierung „El sueño de la razón produce monstruos“ von
Goya. Dieser, so ist zu lesen, habe die Aufklärung in einem dialektischen Sinn verstanden:
aufklärerische Rationalität als Möglichkeit zur Befreiung, „aber auch als zügelloser
Wahn, der seine Opfer fordert“ (S. 245). Der im Prado aufbewahrte Kommentar des
Künstlers liest sich freilich anders: „Die Phantasie von der Vernunft verlassen bringt
unmögliche Monstren hervor. Vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und der
Ursprung der Wunder.“
Göttingen Dietmar Sedlaczek