H. Seidel: Togo im Jahre 1900.
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Globus LXXIX. Nr. 14.
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Nasenknochen bis unter den Hinterkopf 30 cm, von einer
Ohröffnuog bis zur anderen 28 cm, ein zweiter 31x29 cm,
ein dritter nicht normaler 36 X 26 und der vierte, wahr
scheinlich einem weiblichen Individuum angehörend,
38 X 28. Aus einigen Schädeln fielen kleine Scheiben
heraus, aus Talk oder Muscheln und einem Fossil
(Encrinis) angefertigt. Dieselben waren in der Mitte
durchbohrt. An manchen Stellen des Massengrabes
stieis ich auf Knochenasche mit teilweise verbrannten
Knochen vermischt. Hin und wieder kamen auch
Schmuckgegenstände aus Perlmutter und durchbohrt
zum Vorschein; ferner die schon erwähnten Scheibchen,
Walzenförmiger Stein und Scheibchen aus dem Indianergrabe.
wie sie beifolgende Abbildung veranschaulicht (s. Abb.).
Weiter fanden sich halbverkohlte Stücke zierlichen Flecht
werks, schön bearbeitete Stücke einer Schale aus Augit,
ferner ein walzenförmiger, glattgeschliffener Stein, an
einem Ende länger, am anderen kürzer zugespitzt (s. Abb.)
und mit einer Rille versehen zum Anhängen. Da dieser
Stein mit roter Farbe beschmiert war, so vermute ich,
dafs derselbe als eine Art Griffel zum Bemalen der Felsen
gedient habe und mit seinem Besitzer begraben wurde.
Mit diesem Stein kam ein glattgeschliffenes Stück Bims
stein und Stücke von Obsidian, aus dem die Indianer
die meisten Pfeilspitzen herstellten, zum Vorschein. Im
grolsen ganzen war'jedoch die Ausbeute an ethnogra
phischen Gegenständen anfangs eine sehr geringe, was
mich um so mehr wunderte, als in anderen Gräbern,
namentlich in denen des Flachlandes, im San Joaquin
Valley, früher und erst kürzlich von Ethnologen eine Masse
Pfeilspitzen, Mörser, Schmuckgegenstände gefunden wur
den. Als ich seiner Zeit in Britisch Columbia reiste,
erhielt ich von Indianern wundervolle Gegenstände, wie
z. B. Meisel, prachtvoll gearbeitete Statuen aus Augit
und Diopsit, Schalen u. s. w., welche in Indianergräbern
gefunden wurden und sich jetzt im Museum für Völker
kunde in Berlin befinden.
Nach einiger Unterbrechung machte ich mich wieder
an die Erforschung des Grabes und stieis plötzlich auf
einen Haufen Asche und einen halbverbrannten Schädel.
Vermengt mit dieser Asche und teilweise in dem Schädel
fanden sich eine Masse runder Scheiben von zwei ver
schiedenen Grölsen, wie auf der Abbildung sichtbar.
Leider waren diese Scheiben gröfstenteils durch Feuer
zerstört, da sie ohne Zweifel mit der Leiche auf den
Scheiterhaufen gelegt wurden, um mit ihr zu verbrennen.
Ferner fanden sich mehrere Speer- und Pfeilspitzen.
Eine der Speerspitzen war noch mit dem Kitt versehen,
mit dem sie an den Schaft befestigt wurde. Dieser Kitt
war kein Harz, sondern eine Art Cement, der sehr fest
an der Spitze haftete. Der Speer selbst wurde wahr
scheinlich mit der Leiche verbrannt. Eine sehr kleine
Pfeilspitze aus Obsidian, welche sich in dem Schädel
fand, war aufserordentlich kunstvoll gearbeitet und ist
zweifellos die schönste in meiner reichen Sammlung.
Die Scheiben, welche zweifellos fossilen Ursprungs sind,
waren zum Teil mit Rillen versehen und in der Mitte
durchlöchert.
Aufser diesen Gegenständen fand sich noch eine
Menge Obsidian in kleineren Stücken, aus dem die
Indianer gröfstenteils ihre Pfeilspitzen verfertigten,
ferner ein Stück schwarzer Farbe und ein gespaltener,
glattgeschliffener Beinknochen eines Hirsches. Mit diesem
letzten Funde war die Ausbeute abgeschlossen. Zweifel
los wurde das meiste mit den Leichen auf den Scheiter
haufen gelegt und mit diesen verbrannt, soweit es eben
möglich war.
Togo im Jahre 1900.
Von H. Seidel. Berlin.
Über unserer Kolonialbesitzung an der Sklavenküste
scheint neuerdings ein glücklicherer Stern zu walten als
in den Jahren vorher. Zwar ist bis jetzt weder die
Landungsbrücke noch eine Bahn gebaut, aber die Mittel
dazu sind bewilligt, und so werden wir es hoffentlich
erleben, dafs diese für die Entwickelung des Schutz
gebietes unerläfslichen Faktoren demnächst in Angriff
genommen werden. Statt eines Schienenweges nach dem
Innern soll vorläufig die Küstenstrecke von Lome nach
Klein-Popo zur Ausführung gelangen. Die andere,
wichtigere Linie glaubt man bis nach Fertigstellung
der Brücke hinausschieben zu müssen. Unbegründet
deucht uns dieser Vorschlag nicht; ob damit aber dem
Lande gedient ist, bleibt eine offene Frage, die man kaum
mit „ja“ beantworten kann. Jedenfalls widerspricht
der Aufschub den Interessen des ersten Grofsagrariers
in Togo, des Herrn Sholto Douglas, der für seine
Latifundien am Agu und in Agonie und Boem so bald
als irgend möglich eine Bahnvei’bindung zum Meere
wünscht.
Immerhin haben die ausgedehnten Bodenankäufe des
bekannten „Kolonialfreundes“ den Erfolg gehabt, dafs
Togo 1899 und 1900 von zwei Fachexperten, dem
Kaiserl. Gelieimrat Prof. Dr. Wo hitmann und dem
Botaniker R. Schlechter, genauer auf seine Produktions
fähigkeit untersucht wurde. Geheimrat Wohltmann
von der landwirtschaftlichen Akademie in Poppelsdorf
reiste im Aufträge des Auswärtigen Amtes. Der „wesent
lichste Zweck“ seiner Expedition war indessen — wie
er selber schreibt —, „festzustellen, ob und in welcher
Weise bestimmte Ländereien am Agu, sowie am und im
Agomegebirge sich für Kulturen im Grofsbetriebe, vor
nehmlich für Baumwolle und Tabak, eignen“. Ungefähr
in denselben Grenzen hielt sich der vom Kolonialwirt
schaftlichen Komitee ausgesandte Kautschukforscher
R. Schlechter. Da ihm eine längere Arbeitsfrist zu
Gebote stand, durchzog er auch die westlichen Distrikte
um Amedschovlie und Kpando. Besondere Aufmerksam
keit widmete er jedoch der Landschaft Boem, nördlich
von Misahöh, wo er das für Herrn Douglas erworbene
Terrain „auf die Anbaufähigkeit für Kichxia elastica und
andere Kautschukpflanzen anzusehen“ hatte.
Im folgenden wollen wir kurz die Ergebnisse der
„Bonitätsprüfung“ mitteilen, wie sie uns hauptsächlich