Museen für Volkskunde in Italien.
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Folge den Grundstock eines Museums oder einer Unterabteilung eines solchen
bilden^).
An den völkerkundlichen Expeditionen hatten viele Italiener tätigen Anteil
gehabt. Unter ihnen Lamberto Loria, der 1910 in einem auf dem Geographen
kongreh von Palermo vorgetragenen Bericht mit dem Titel: „Uber Mittel und
Wege, das Studium der italienischen Ethnographie zu fördern" an ein eigenes
bedeutungsvolles Erlebnis anknüpft und von ihm aus wichtige Folgerungen für
die „politische Wissenschaft" zieht. „Italien" — sagte er in jenem Bericht —
«hat keine Kolonien, besonders keine von der Art, die unsere Forscher für die
erotische Ethnographie begeistern könnten. Aber ich möchte Ihnen hier ein Er
lebnis aus meiner Forschertätigkeit berichten. Ich befand mich in Circello im
Samnium (Provinz Benevento) und dachte mit Sehnsucht, fast möchte ich sagen
mit Heimweh, an jenes Zeltleben, das ich in meiner Jugend unter der wilden
Bevölkerung von Neuguinea geführt hatte und das ich im Begriff war, in Asso-
arta wiederaufzunehmen, als in mir, der ich zuerst mit Gleichgültigkeit und dann
mit immer wachsender Aufmerksamkeit das eigenartige Leben dieser samnitischen
Bevölkerung betrachtete, plötzlich wie von selbst die Frage aufstieg: warum gehen
wir soweit weg, um die Sitten und Gebräuche der Völker zu studieren, wenn
wir noch nicht einmal die unserer Landsleute kennen, die zwar politisch unter
einer Regierung vereinigt sind, aber deren Blut in mancherlei Mischung tausen
derlei Erbcharaktere enthält? Viele hatten sich vor mir diese Frage vorgelegt,
niemand hatte sie noch mit dem Entschluß zur Tat beantwortet. Kaum aus Asso-
arta zurückgekehrt, gründete ich das Museum für Italienische Ethnogra-
phie^). Zwei Ziele schwebten mir dabei vor, die vollkommen denen glichen, die
die Regierungen und Forscher des Auslandes im Auge hatten, als sie daran gingen,
das Leben und die Psyche der unterworfenen Völker zu studieren: die Wissen
schaft der italienischen Ethnographie zu schaffen und so auf einem Umwege
unsere Staatsmänner und Gesetzgeber zu mahnen und zu belehren, damit sie beim
Negieren und Gesetzemachen gebührend Rücksicht auf die tiefgehenden Unter
schiede und folglich auch auf die unter sich verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen
italienischen Landschaften nehmen .. ?)"
x ) Nicht immer geschah die Zusammenstellung der ersten ethnographischen Museen nach irgend
welchen wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Zuerst begnügte man sich mit der bloßen Sammlung des
Materials. Einer der ersten Gelehrten, die sich ernsthaft mit der ethnographischen Museumskunde be
schäftigten, war W. Foy bei der Einrichtung des Rautenstrauch-Joest-Museums für Völkerkunde.
Dgl. dazu: W. Foy, Ethnologica, Teil I, S. 1—70, Köln 1909. Vgl. auch: A. van Gennep, Religion«,
Mœurs et Légendes, Teil 3, S. 62—73, Paris 1911.
2 ) Museo d’Etnografia italiana. Dem italienischen etnografia entspricht hier die Sachgut-
sorschnng innerhalb der Volkskunde. (Anm. des Übersetzers.)
3 ) Dieser Bericht ist zusammen mit einem Bericht von Francesco Baldasseroni: velia Locietà
di Etnografia italiana e di alcuni scopi cui deve iniziare (Über die Gesellschaft für Italienische Ethno-
9rapf)ie und einige Ziele, die sie verwirklichen soll) in der „Rassegna contemporanea", 3. Jahrg.,
r. 7, Rom 1910, veröffentlicht worden.
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