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Objekt: Tribus, 33.1984,N.F.

289 
Buchbesprechungen Ozeanien / Australien 
Literatur 
Godelier, Maurice; 
1982 La production des Grands hommes. Paris. 
Wassmann, Jörg: 
Der Gesang an den Fliegenden Hund. Un 
tersuchungen zu den totemistischen Gesän 
gen und geheimen Namen des Dorfes Kan- 
dingei am Mittelsepik (Papua New Guinea) 
anhand der ÄirwgM-Knotenschnüre. Baseler 
Beiträge zur Ethnologie Bd. 22, Basel: Eth 
nologisches Seminar der Universität und 
Museum für Völkerkunde 1982, 479 S. 
Das Ethnologische Seminar der Universität Basel hat 
unter der Leitung von Prof. M. Schuster zu Beginn der 
siebziger Jahre eine Expedition zur ethnographischen 
Erforschung Neuguineas, insbesondere des Mittelsepik- 
Gebietes durchgeführt. Aus diesen Feldforschungen sind 
eine Reihe von Arbeiten über die latmul-Kultur hervor 
gegangen, z.B. B. Häuser-Schäublin (1977), M. Schindl- 
beck (1980), F. Weiss (1981) und M. u. G. Schuster 
(1974), sowie die vorliegende Veröffentlichung von 
Wassmann. Diese Forschungen stehen in einem gegen 
seitigen Ergänzungsverhältnis und behandeln jeweils auf 
einander abgestimmte Spezialthemen. Gegenstand der 
Untersuchung von J. Wassmann sind die Gesänge der 
Nyaura oder West-Iatmul unter der Fragestellung, »ob es 
einen Schlüssel zum Gesamtsystem der zunächst diver 
gent erscheinenden Kulturteile gibt, .. ob zwischen Gei 
stern und Genealogien, zwischen Rufnamen und Flöten, 
zwischen Totems und totemistischen Gesängen, zwischen 
mythischen Urzeitwesen und Landbesitz, zwischen Was 
serläufen und Namen der Gebrauchsgegenstände Zu 
sammenhänge bestehen, die sich systematisch darstellen 
lassen« (S. 315, vgl. S 52). 
Die latmul sind eine Gesellschaft ohne zentrale Organi 
sationen, die sich in drei Untergruppen gliedert. Ihre 
Gemeinsamkeit besteht neben der gemeinsamen Sprache 
darin, daß sie sich alle von den Ahnen des mythischen 
Ortes Mävimbit herleiten, welches die Ahnen verließen 
und in das Fluß-Sumpfgebiet des Mittelsepik erwander 
ten. Die Nyaura siedeln heute in acht Dörfern mit jeweils 
zwischen 300 und 600 Einwohnern. Sie leben vom Gar 
tenbau und Fischfang und seit neuerer Zeit auch von der 
Schweinezucht. 
Die Dorfbewohner sind in zwei totemistische Hälften 
geteilt: die weibliche Erd- oder Mutterhälfte und die 
männliche Himmel- oder Sonnenhälfte (S. 20), welche 
z.B. bei der Initiation kulturelle Funktionen überneh 
men und zwischen denen früher Scheinkämpfe stattge 
funden haben. Die Hälften sind ihrerseits in Clanverbän- 
de und totemistische Clane gegliedert. Dabei ist der 
Begriff des Totems (ngwat, d.h. Ahne) sehr weit zu 
fassen. Der Besitz des Totems bedeutet die Verfügung 
über Namen, über die mit diesen verbundenen (gehei 
men) Mythen, über Gesänge, über Trommelrhythmen 
und vor allem das Recht, die Mythen bei den entspre 
chenden Gelegenheiten optisch und akustisch darzustel 
len. Jeder Clan ist bemüht, seinen Teil der Stammesmy 
thologie, insbesondere die Namen der Ahnen, vor den 
anderen zu bewahren und hält ihn deshalb geheim. Je 
doch kennen auch nicht alle Mitglieder eines Clans bzw. 
einer Clangruppe alle Namen, sondern lediglich der 
Clangruppenvorsteher weiß die »öffentlichen« Namen 
und der Knotenschnurbesitzer die geheimen Namen. 
Das Namensystem durchdringt die Kultur der Nyaura: 
die Mythologie, die Genealogie, die Benennung der Ge 
brauchsgegenstände, die Wasser- und Buschgeister, den 
Busch und den Clanboden und die Zaubersprüche. 
Durch die Namen und ihre geheime mythologische Be 
deutung ist jedes Stammesmitglied in die Gesellschaft 
und Kultur integriert (S. 310 et passim). Verwaltung und 
Besitz möglichst vieler Namen und ihres mythischen 
Zusammenhanges bestimmen die Macht und den Ein 
fluß. Jedes Mitglied besitzt einige Namen, die ihm jedoch 
erst im Laufe eines Lebens, bei der Geburt, Initiation, 
Hochzeit und weiteren Gelegenheiten, abhängig auch 
von seiner Stellung in der Geschwisterfolge, mitgeteilt 
werden und ihn in Recht und Pflichten einsetzen. Die 
Namen und die ihnen zugehörige Mythologie bilden mit 
hin die innere Struktur und Ordnung der Kultur und 
sozialen Organisation der Nyaura. 
Diese Namen werden in den Gesängen von den mythi 
schen Ahnen und ihren Wanderungen, durch welche die 
Clane und ihre Mitglieder die Verfügungsrechte über 
alles, von den Mythen bis zum Land, erhalten und die 
zugleich eine Begründung der bestehenden Ordnung ent 
halten, vergegenwärtigt und tradiert. Diese Gesänge 
werden bei bestimmten Gelegenheiten (z.B. Todesfei 
ern, etc.) vorgetragen, jedoch sind sie nur in einer 
Schicht unmittelbar verständlich. Für ein volles Ver 
ständnis der Texte ist darüber hinaus das von den »gro 
ßen Männern« des Clans sorgfältig gehütete, weitere 
Wissen erforderlich. Die Gesänge und ihre Reihenfolge 
besitzen in den sechs bis acht Meter langen kirugu- 
Knotenschnüren mit größeren und kleineren Knoten in 
regelmäßigen Abständen ein greifbares Erinnerungsmit 
tel für den Kultleiter. Sie sind streng geheim. 
Entdeckung und Erforschung der bislang unbekannten 
oder unbeachtet gebliebenen Knotenschnüre und ihre 
Bedeutung für das Leben der Nyaura stellen die eine 
wichtige Forschungsleistung von Wassmann dar. Durch 
diese Knotenschnüre als stammesinterne, materialisierte 
Form des mythischen Wissens war es ihm möglich, das 
soziale und vor allem das mythische System, das von 
früheren Forschern als ein »schreckliches Durcheinan 
der« (S. 54) bezeichnet worden ist, zu durchschauen. Die 
andere große Forschungsleistung besteht in der Auf 
zeichnung, Übersetzung und soweit möglich Erklärung 
der Gesänge selber. Von diesen Gesängen sind diejeni 
gen eines Clanverbandes in diesem Band wiedergegeben, 
die Gesangszyklen der anderen fünf Clanverbände sollen 
in einem zweiten Band veröffentlicht werden. 
Unklar ist mir geblieben, warum diese Gesellschaft ihre 
durch das Namensystem und die Mythologie gegebene 
Struktur nicht nur vor Fremden, sondern auch vor den 
eigenen Mitgliedern, von denen jedes auch nur einen 
mehr oder weniger großen bzw. kleinen Teil kennt, 
geheim hält oder geheim halten muß und auf diese Weise 
eine gesellschaftliche Unbewußtheit herstellt. 
Hartmut Zinser
	        
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