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Buchbesprechungen Ozeanien / Australien
Literatur
Godelier, Maurice;
1982 La production des Grands hommes. Paris.
Wassmann, Jörg:
Der Gesang an den Fliegenden Hund. Un
tersuchungen zu den totemistischen Gesän
gen und geheimen Namen des Dorfes Kan-
dingei am Mittelsepik (Papua New Guinea)
anhand der ÄirwgM-Knotenschnüre. Baseler
Beiträge zur Ethnologie Bd. 22, Basel: Eth
nologisches Seminar der Universität und
Museum für Völkerkunde 1982, 479 S.
Das Ethnologische Seminar der Universität Basel hat
unter der Leitung von Prof. M. Schuster zu Beginn der
siebziger Jahre eine Expedition zur ethnographischen
Erforschung Neuguineas, insbesondere des Mittelsepik-
Gebietes durchgeführt. Aus diesen Feldforschungen sind
eine Reihe von Arbeiten über die latmul-Kultur hervor
gegangen, z.B. B. Häuser-Schäublin (1977), M. Schindl-
beck (1980), F. Weiss (1981) und M. u. G. Schuster
(1974), sowie die vorliegende Veröffentlichung von
Wassmann. Diese Forschungen stehen in einem gegen
seitigen Ergänzungsverhältnis und behandeln jeweils auf
einander abgestimmte Spezialthemen. Gegenstand der
Untersuchung von J. Wassmann sind die Gesänge der
Nyaura oder West-Iatmul unter der Fragestellung, »ob es
einen Schlüssel zum Gesamtsystem der zunächst diver
gent erscheinenden Kulturteile gibt, .. ob zwischen Gei
stern und Genealogien, zwischen Rufnamen und Flöten,
zwischen Totems und totemistischen Gesängen, zwischen
mythischen Urzeitwesen und Landbesitz, zwischen Was
serläufen und Namen der Gebrauchsgegenstände Zu
sammenhänge bestehen, die sich systematisch darstellen
lassen« (S. 315, vgl. S 52).
Die latmul sind eine Gesellschaft ohne zentrale Organi
sationen, die sich in drei Untergruppen gliedert. Ihre
Gemeinsamkeit besteht neben der gemeinsamen Sprache
darin, daß sie sich alle von den Ahnen des mythischen
Ortes Mävimbit herleiten, welches die Ahnen verließen
und in das Fluß-Sumpfgebiet des Mittelsepik erwander
ten. Die Nyaura siedeln heute in acht Dörfern mit jeweils
zwischen 300 und 600 Einwohnern. Sie leben vom Gar
tenbau und Fischfang und seit neuerer Zeit auch von der
Schweinezucht.
Die Dorfbewohner sind in zwei totemistische Hälften
geteilt: die weibliche Erd- oder Mutterhälfte und die
männliche Himmel- oder Sonnenhälfte (S. 20), welche
z.B. bei der Initiation kulturelle Funktionen überneh
men und zwischen denen früher Scheinkämpfe stattge
funden haben. Die Hälften sind ihrerseits in Clanverbän-
de und totemistische Clane gegliedert. Dabei ist der
Begriff des Totems (ngwat, d.h. Ahne) sehr weit zu
fassen. Der Besitz des Totems bedeutet die Verfügung
über Namen, über die mit diesen verbundenen (gehei
men) Mythen, über Gesänge, über Trommelrhythmen
und vor allem das Recht, die Mythen bei den entspre
chenden Gelegenheiten optisch und akustisch darzustel
len. Jeder Clan ist bemüht, seinen Teil der Stammesmy
thologie, insbesondere die Namen der Ahnen, vor den
anderen zu bewahren und hält ihn deshalb geheim. Je
doch kennen auch nicht alle Mitglieder eines Clans bzw.
einer Clangruppe alle Namen, sondern lediglich der
Clangruppenvorsteher weiß die »öffentlichen« Namen
und der Knotenschnurbesitzer die geheimen Namen.
Das Namensystem durchdringt die Kultur der Nyaura:
die Mythologie, die Genealogie, die Benennung der Ge
brauchsgegenstände, die Wasser- und Buschgeister, den
Busch und den Clanboden und die Zaubersprüche.
Durch die Namen und ihre geheime mythologische Be
deutung ist jedes Stammesmitglied in die Gesellschaft
und Kultur integriert (S. 310 et passim). Verwaltung und
Besitz möglichst vieler Namen und ihres mythischen
Zusammenhanges bestimmen die Macht und den Ein
fluß. Jedes Mitglied besitzt einige Namen, die ihm jedoch
erst im Laufe eines Lebens, bei der Geburt, Initiation,
Hochzeit und weiteren Gelegenheiten, abhängig auch
von seiner Stellung in der Geschwisterfolge, mitgeteilt
werden und ihn in Recht und Pflichten einsetzen. Die
Namen und die ihnen zugehörige Mythologie bilden mit
hin die innere Struktur und Ordnung der Kultur und
sozialen Organisation der Nyaura.
Diese Namen werden in den Gesängen von den mythi
schen Ahnen und ihren Wanderungen, durch welche die
Clane und ihre Mitglieder die Verfügungsrechte über
alles, von den Mythen bis zum Land, erhalten und die
zugleich eine Begründung der bestehenden Ordnung ent
halten, vergegenwärtigt und tradiert. Diese Gesänge
werden bei bestimmten Gelegenheiten (z.B. Todesfei
ern, etc.) vorgetragen, jedoch sind sie nur in einer
Schicht unmittelbar verständlich. Für ein volles Ver
ständnis der Texte ist darüber hinaus das von den »gro
ßen Männern« des Clans sorgfältig gehütete, weitere
Wissen erforderlich. Die Gesänge und ihre Reihenfolge
besitzen in den sechs bis acht Meter langen kirugu-
Knotenschnüren mit größeren und kleineren Knoten in
regelmäßigen Abständen ein greifbares Erinnerungsmit
tel für den Kultleiter. Sie sind streng geheim.
Entdeckung und Erforschung der bislang unbekannten
oder unbeachtet gebliebenen Knotenschnüre und ihre
Bedeutung für das Leben der Nyaura stellen die eine
wichtige Forschungsleistung von Wassmann dar. Durch
diese Knotenschnüre als stammesinterne, materialisierte
Form des mythischen Wissens war es ihm möglich, das
soziale und vor allem das mythische System, das von
früheren Forschern als ein »schreckliches Durcheinan
der« (S. 54) bezeichnet worden ist, zu durchschauen. Die
andere große Forschungsleistung besteht in der Auf
zeichnung, Übersetzung und soweit möglich Erklärung
der Gesänge selber. Von diesen Gesängen sind diejeni
gen eines Clanverbandes in diesem Band wiedergegeben,
die Gesangszyklen der anderen fünf Clanverbände sollen
in einem zweiten Band veröffentlicht werden.
Unklar ist mir geblieben, warum diese Gesellschaft ihre
durch das Namensystem und die Mythologie gegebene
Struktur nicht nur vor Fremden, sondern auch vor den
eigenen Mitgliedern, von denen jedes auch nur einen
mehr oder weniger großen bzw. kleinen Teil kennt,
geheim hält oder geheim halten muß und auf diese Weise
eine gesellschaftliche Unbewußtheit herstellt.
Hartmut Zinser