Lade und Koffer im bäuerlichen Mobiliar Westmecklenburgs
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hältnismäßig hohe Zahl 30 unterstreicht, wie wichtig sie als Behältnisse waren. In
der Regel handelte es sich um Laden, daneben erscheinen — wie in dem angeführten
Beispiel von der niedersächsischen Grenze — mehrfach ff ¿sie« und vereinzelt Kasten.
Darunter sind freilich nicht „Kisten“ im heutigen Sinne zu verstehen, 31 sondern der
Lade voraufgegangene Truhenformen, 32 möglicherweise plattdecklige Stollen
truhen, wie sie im erhaltenen Bestand Westmecklenburgs bisher aus Bauernbesitz
nicht greifbar waren.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drang neben die verbreitete Lade der
Koffer ins bäuerliche Mobiliar ein. Das geschah zunächst offensichtlich nur zögernd
sowie zeitlich und geographisch nicht einheitlich. Die ersten Belege stammen bereits
aus den fünfziger Jahren, aber erst drei bis vier Jahrzehnte später erwähnen die In-
ventare, soweit sie nicht nur die „Hofwehr“ umfassen, meist beide Möbel. In einigen
Fällen, in denen über ein Jahrhundert hinweg einander ablösende Aufzeichner gleich
gründlich bei der Bestandaufnahme verfuhren, läßt sich dieses Eindringen des Kof
fers auf einzelnen Gehöften sehr genau verfolgen.
So wurde etwa auf dem Gehöft Nr. xo zu Woosmer 33 am i. Juli 1777 u. a. vorgefunden:
„1 große Lade, worinn das wenige Zeug des Wirths, 1 kleine Lade mit Schloß und Schlüßel,
1 Lade ohne Deckel“. 37 Jahre später, am 23. Juni 18x2, befanden sich bei einer Übergabe
schon 3 Laden und 1 Koffer unter dem Mobiliar, und zwar „von der ersten Frau 2 Laden“,
„von der zweiten Frau 1 Lade, 1 Coffer“. Wieder 43 Jahre danach, am 10. Mai 1855, zählt
das Nachlaß Verzeichnis 34 bereits keine Laden mehr auf; zu diesem Zeitpunkt waren vor
handen: „1 tannen Koffer, 2 Koffer“, die letzteren von der Witwe bei ihrer Hochzeit einge
bracht. Rechnet man von den beiden letzten Daten jeweils zwei bis drei Jahrzehnte zurück,
um den ungefähren Zeitpunkt zu fixieren, zu dem das Heiratsgut in das Haus kam, so ergibt
sich, daß hier der Koffer, obwohl verhältnismäßig spät zum ersten Mal belegt, die Lade
innerhalb von rund 60 Jahren zu verdrängen vermocht hat. 35
Als Ursache für diese Einbürgerung des Koffers im Bauernhaus kann, da er
gegenüber der Lade als Zweck- und Gebrauchsmöbel keine ersichtlichen Vorzüge
aufwies, anscheinend nur modischer Einfluß geltend gemacht werden: Um die Mitte
des 18. Jahrhunderts begann wohl die auf den herrschaftlichen Höfen übliche Tru
henform mit ihrem dekorativen Eisenbeschlag, wie sporadische Erwähnungen in
den Inventaren bezeugen, Vorbild für bäuerliche Besteller zu werden. Bald nach der
Jahrhundertwende hielten sich Lade und Koffer zahlenmäßig etwa die Waage. Aber
ein großer Teil der zu diesem Zeitpunkt auf Bauernhöfen vorhandenen Laden dürfte
30 3 — 5 Laden sind häufig, aber auch 7 — 8 werden genannt.
31 Sie stellten in dem inventarisierten Nachlaß vielleicht sogar die gegenüber den Laden
Wertvolleren Stücke dar.
32 Nach solchen Kisten, in der Regel gotischen Stollentruhen, ihrem bevorzugten Werk,
nannte sich jahrhundertelang immerhin ein ganzer Zweig des Tischlerhandwerks Kisten
macher. Vgl. dazu Max Fehring, Sitte und Brauch der Tischler. Hamburg 1929, 12L
33 LHASch Rep. 92 g (DA Dömitz) Nr. 1739.
34 Ein Nachlaßinventar vom 8. März 1833 ist leider sehr unvollständig.
35 Diese Auswertung von Inventaren geht davon aus, daß Lade und Koffer in den voraus
gegangenen Jahrhunderten von der bäuerlichen Bevölkerung und den Inventaraufnehmern
sprachlich ebenso abgegrenzt worden sind wie in der Gegenwart. Solche Kontinuität
ln der Benennung wird gewöhnlich stillschweigend als Arbeitshypothese vorausgesetzt,
ließ sich im vorliegenden Fall jedoch eindeutig nachweisen. Vgl. Neumann, Kuffert (1964)
31 f- (vid. Anm. 10).