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des Kiefers einen mehr gleichmässigen dicken Bogen bildet. Winkel etwas aus-
gelegt, Distanz trotzdem klein, nur 89 mm. Aeste breit, 35 mm, unter fast rechtem
Winkel angesetzt. Die Gelenkfortsätze sehr niedrig, 50 mm lang, die Gelenk-
flüchen abgeplattet, rechts deutliche Abschleifung nach Arthritis deformans.
Proc. coronoides 58 mm hoch. —
So ist dieser Schädel beschaffen. Seit Decennien gelten die Semang-Stämme
als Hauptrepräsentanten niederster Körperbildung. Nachdem alle anderen „niederen“
Rassen ihrer vermeintlichen Affenähnlichkeit entkleidet sind, hatten sich alle Hoff-
nungen, hier wenigstens eine Art von Proanthropen zu finden, auf das Dunkel der
Wälder von Malacca gerichtet. Das scheint nun auch vorüber zu sein. Wenigstens
dieser erste Semang-Schädel besitzt ausser seiner Prognathie und seiner einfachen
Unterkiefer-Bildung nichts Pithekoides. Weder Platy-, noch Katarrhinie, weder
ein Processus frontalis squamae temporalis, noch ein Proc. lemurianus ist vor-
handen. Mit seiner Capacität von 1370 ccm, seiner Stim von 91 mm Minimalbreite,
seiner vortrefflich ausgebildeten Schläfengegend liesse er sich auch unter die
Schüdel der Culturvülker einreihen. Er isi weniger pithekoid, als zahllose Schädel
civilisirter Menschen.
Nun ist es freilich nicht unwahrscheinlich, dass, falls Mr. Vaughan Stevens
sein Versprechen und meine Hoffnungen erfüllen und mehr Schädel von Panggang-
Leuten ‚schicken sollte, sich auch weniger gut ausgebildete, vielleicht viel kleinere
finden werden. Aber an diese Art der Variation sind wir längst gewöhnt. Schon
in meiner Erörterung über die Schädel der Negritos der Philippinen (vergl.
F. Jagor, Reisen in den Philippinen. Berlin 1873. $8. 374, Taf. II, Fig. 4—6)
habe ich dies zahlenmässig nachgewiesen. Die Oapacitàt von 4 speciell auf-
geführten Negrito-Schädeln schwankte zwischen 1150 und 1310 cem, dagegen waren
sie alle hypsibrachycephal, wie der Panggang-Schädel.
Die Aehnliehkeit der beiden Rassen, welche so oft vermuthet worden ist,
kann nunmehr als befestigt angesehen werden. Die wichtigste Thatsache, welche
Hr. Vaughan Stevens in dieser Beziehung beigebracht hat, ist das Haar. Leider
ist auch in dieser Beziehung das Glück uns nicht günstig gewesen. In der
Schachtel, von der er spricht, sind nur ein Paar ganz kleine Reste von einzelnen
Haaren übrig geblieben. Aber sie sind schwarz, fein und spiralig. Jeder
Zweifel muss jedoch schwinden, wenn man das Haarbüschel, Bag-ee genannt, be-
trachtet, das er vom Haupte eines Mannes entnommen und hierher geschickt hat.
Es zeigt dieselbe Neigung zur Bildung von Spiralröllchen und zur Verwickelung,
das uns von dem Negrito-Haar bekannt ist, und es unterscheidet sich diametral
von dem Haar der Blandass, das ich von Hrn. Vaughan Stevens erhalten und
in einer früheren Sitzung (Verh. 1891, S. 844) ausführlich besprochen habe.
Das Büschel besteht aus einer höchst zierlichen Zusammenfügung einer
grösseren Anzahl schwarzer Spiralrollen, welche, etwas gelockert und gegen das
Licht gehalten, einen losen Filz von schraubenförmig gedrehten und in ihrer
ganzen Länge isolirten Haaren bilden. Die lichte Weite der einzelnen Rollen be-
trägt bis zu 2 mm. Unter dem Mikroskop erscheinen die einzelnen Haare dünn
und von schwarzbrauner Farbe; das Pigment liegt jedoch so dicht, dass man von
aussen nicht deutlich das Innere Zu erkennen vermag. Auf Querschnitten ersieht
man, dass das Pigment hauptsächlich in den äusseren Schichten des Haarschaftes
angehäuft ist; der innere Theil, zuweilen beinahe die Hälfte des Querschnittes ein-
nehmend, ist fast ganz pigmentlos. Cuticula sehr zart und blass. Ein Mark-
streifen fehlt fast überall; wo er vorkommt, ist er discontinuirlich, schwach und
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