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Besprechungen
Zweifellos sind dafür geschichtsideologische Motive ausschlaggebend. Sie hängen mit der weit
gehenden Eliminierung des Klassenkampfes, der Hypertrophierung der Industrialisierungs- und
Wachstumsprobleme sowie der „sozialschöpferischen Leistung“ des Unternehmers im Geschichtsbild
der Industriegesellschaftslehre zusammen. Diese Prämissen veranlassen die Verf. zu einer evolutio
nären Interpretation der von ihr untersuchten revolutionären Geschichtsperiode (die Pariser Juli
revolution und die Berliner Märzrevolution z. B. werden zwar an einer Stelle erwähnt, aber nur
als „Akzente“ des Untersuchungszeitraums)» Auf diese W'eise gerät sie nicht nur in Widerspruch zu
den tatsächlichen Verlaufskurven des gesamten historischen Prozesses, sie entfernt sich auch von
deutlichen Aussagen ihres eigenen Materials. Die ,Unebenheiten“, die die Quellen aus der Sicht
einer derartigen geschichtsideologischen Optik bieten, werden durch die Heranziehung von sozial
psychologischen Kategorien („Fabrikantenstereotyp“, „Vorurteile“), disparaten Verfahren und Be
trachtungsweisen aus der Trivialliteraturforschung sowie durch eine anfechtbare Realismusdiskussion
,überbrückt“, wobei die beiden letztgenannten Methodenanleihen jede für sich eine kritische Rezension
verdienen würden. Selbstverständlich bleibt der Verf., die sich mit ihren Gewichtungen und Wertungen
objektiv auf den Unternehmerstandpunkt stellt, auch die Erkenntnis des weltanschaulich-politischen
Qualitätsunterschiedes zwischen Weerth und beispielsweise Willkomm verschlossen.
Für die marxistische kulturhistorische Forschung liegt der Wert dieser Arbeit vor allem im
Faktologischen, das auf den hohen Fündigkeitsgrad der untersuchten Quellengruppe hinweist. Er
wird auch durch das umfangreiche Literaturverzeichnis, das fast zwanzigseitige Register und die
im Anhang beigegebenen Proben aus einzelnen Romanen gestützt.
HARTMUT SCHAFFNER, Berlin
JOHANN CHRISTOPH SACHSE, Ger deutsche Gil Blas. Eingeführt von Goethe. Oder Leben,
WÄnderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfaßt.
Hrsg, von JOCHEN GOLZ. Berlin, Rütten und Loening, 19774 344 S.
KARL FRIEDRICH KLÖDEN, Von Berlin nach Berlin. Erinnerungen 1786-1824. Hrsg, von ROLF
WEBER. Berlin, Verlag der Nation, 1976, 2. Aufl. 1978. 524 S., 40 Illustrationen von Daniel
Chodowiecki und 4 Titelblattreproduktionen.
Während der Arbeit an „Dichtung und Wahrheit“ notierte Goethe in einem Entwurf zur Vor
rede des 3. Teils: „Alles wahrhaft Biographische, wohin die zurückgebliebenen Briefe, die Tagebücher,
die Memoiren und so manches andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor,
mehr oder minder wirklich oder im ausführlichen! Bilde. Man wird nicht müde, Biographien zu lesen,
sowenig als Rcisebeschreibungen; denn man lebt mit Lebendigen.“ Damit meinte er weniger die
„polierten“ Erinnerungen von Feldherren und Staatsmännern als vielmehr die Lebenszeugnisse von
Vertretern des Bürgertums und von „Naturtalenten“ aus Bauern- und Handwerkerkreisen. Eine
ganze Reihe solcher Autobiographien ist durch seine fördernde Teilnahme überhaupt entstanden bzw.
zum Druck befördert worden. Zu ihnen gehört auch die Selbstdarstellung der Wanderungen und
Schicksale Johann Christoph Sachses, die Goethe 1822 mit einem warmherzig geschriebenen Vorwort
unter dem anspruchsvollen Titel „Der deutsche Gil Blas“ herausgab. Sachse (1762-1822), aus
ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen stammend, berichtet hier über seine Erlebnisse als Hütejunge,
Kaufmannslehrling, Gelegenheitsarbeiter, Schreiber und „Bediensteter“ bei zahlreichen adligen
Herren, als deren Begleiter (oder auf Arbeitssuche) er in ganz Mitteleuropa herumkam, bis er
schließlich in Weimar eine dauernde Anstellung als Bibliotheksdiener fand. Er schildert die alltäg
liche bäuerliche Fron, die Mühsal der ohne Arbeit Umherstreifenden, die Willkür reicher Dienst
herren und die Härte des Soldatenlebens, wie er sie sämtlich am eigenen Leibe erfuhr. Zugleich
finden sich vielfältige Beobachtungen über Land und Leute, etwa über das Dasein der Kutscher
und Schiffer, über das Herbergswesen der Zeit oder über ländliche Feste wie Pfingstreigen und
Kindtaufe. Goethe meinte in seinem Vorwort zu dem Buch, „man dürfte es die Bibel der Be
dienten und Handwerksburschen nennen, denn es ist in den untern Ständen wohl niemand, der
seine Schicksale nicht hie und da abgespiegelt fände“ (S. 6). Dies nun macht tatsächlich die an
schauliche Darstellung Sachses noch heute - speziell für den Volkskundler — lesenswert. - Die
Neuauflage bietet außer dem (behutsam modernisierten) Text des Erstdrucks einen Anhang von