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Besprechungen
Leitung von Edgar Balogh (Publizistik und Literaturpolitik) ihr wissenschaftliches Zentrum.
Der vorliegende Band bildet einen Teil der Benedek-Serie, die mit einer Auswahl seiner
Novellen und publizistischen Schriften beginnt (A szäzesztendös jövendömondö [Der hundert
jährige Wahrsager] Bukarest 1967. Red.: Edgar Balogh).
Jözsef Faragö bietet uns eine gute, auf viele Gesichtspunkte achtende Auswahl der Mär
chen des größten ungarischen Erzählers, Elek Benedek (1859 — 1929). In der Einleitung
lernen wir ausführlich sein Leben als Märchensammler, Erzähler und Übersetzer kennen.
Auf ihn, letztes Kind einer großen Bauernfamilie, machten die Szekler Volksmärchen schon
früh einen tiefen Eindruck. Sein Vater, seine Spielgefährtin, der Witzbold des Dorfes, „der
alte, ständig flunkernde Andräs Demeter“ waren ausgezeichnete Erzähler. Ihnen und den
Dornrosen von Kriza verdankt er — wie er sich in seiner Autobiographie Edes anyaföldem
[Mein süßes Vaterland], 2 Bde. Budapest, 1920 erinnert — seinen ersten Erfolg, einen Gul
den, den er im Jahre 1876 im Gymnasium von Szekelyudvarhely als Preis für seine Samm
lung Szekely nepdalok (Szekler Volkslieder) erhielt, sowie die Liebe zum Volksmärchen, die
ihn sein ganzes Leben hindurch begleitete.
Mit seinem Schulkameraden, Job Sebesi, durchwanderte er die Umgebung seines Ge
burtsdorfes Kisbacon (ehemaliges Komitat Udvarhely, heute Rumänien), um weitere Volks
märchen und Lieder aufzuzeichnen. Ihre gemeinsame Sammlung war eine Art Empfehlungs
brief an Pal Gyulai, Professor der ungarischen Literatur an der Budapester Universität.
Diesem hatte das Manuskript so gut gefallen, daß der kaum zwanzigjährige Benedek den
Auftrag bekam, aus dem Nachlaß von Kriza, aus der Sammlung von Baläzs Orban und aus
seinen eigenen Aufzeichnungen den dritten Band der Magyar Nepköltesi Gyüjtemeny
(Sammlung Ungarischer Volksdichtung), die Szekelyföldi gyüjtes (Sammlung aus dem
Szeklerlande) zusammenzustellen und die Volksmärchentexte stilistisch umzuarbeiten
(Budapest 1882).
Die ersten Redaktoren der Serie, Läszlö Arany und Pal Gyulai, befolgten den Weg, den der
bedeutendste ungarische Dichter dieser Zeit, Jänos Arany, ihnen in seiner Rezension über
Merenyis Eredeti nepmesek [Originale Volksmärchen] 2 Bde., Pest, 1861 wies: Der Sammler
„soll auch selbst die Kunst eines Märchenerzählers beherrschen. Er soll mitten im Volke
leben, sich in den bäuerlichen Spinnstuben und an den Lagerfeuern der Hirten so natürlich
bewegen, als wäre er dort aufgewachsen. Er soll sich nicht nur die Sprache des Volkes, seine
typischen Redewendungen zu eigen machen; seine ganze Sinnes- und Vorstellungswelt, seine
Art zu erzählen soll in seinem Gedächtnis mit unverwischbaren Lettern geprägt leben.“
(Szepirodalmi Figyelö [Belletristischer Beobachter], Pest, 1861—62 Nr. 1—4).
In den Augen der beiden Redakteure war B. dafür der ideale Sammler. Er selbst fand aber
seine ersten, eigenen, selbständigen Märchenbücher, das Szekely Tünderorszäg [Szekler
Feenland], Budapest 1885, und den Szekely mesemondö [Szekler Erzähler], Budapest 1888,
gar nicht vollkommen. In seinem Hauptwerk Magyar mese — es mondaviläg (Ungarische
Märchen- und Sagenwelt), 5 Bde. Budapest 1894—96, das uns mit seinen 389 Texten über
den gesamten erreichbaren ungarischen Volkserzählungsschatz des 19. Jhs einen umfassenden
Überblick gibt, befinden sich alle seine früher publizierten Märchen, in eine dem Volks
tümlichen näher stehende, lebendigere, poetischere Märchensprache umgearbeitet.
B. arbeitete in diesem Werk ähnlich wie die Bauernerzähler: Er wählte diejenigen Texte
aus, die seinen didaktischen Zwecken am günstigsten waren und erzählte sie in seinem
eigenen, bäuerlichen, aber doch literarischen szekler-ungarischen Märchenstil. Sein münd
liches und schriftliches Repertoire, woraus er seine Märchen und Sagen ausgewählt hat, war
viel größer, als das des volkstümlichen Erzählers, der aber sein Material viel freier gestalten
konnte. Den Richtlinien von Arany gemäß mußte B. den Originalen Motiv für Motiv folgen.
Merkwürdigerweise schrieb er seine Märchen nie ab. Seine mündlichen Vorträge wurden in
einer Kurzschrift fixiert und fast ohne Verbesserungen zum Verleger geschickt.
Auch die Märchen anderer Völker erregten sein Interesse. In seiner Serie Benedek Elek
Kiskönyvtära (Die kleine Bibliothek von Elek Benedek) gab er eine Sammlung sieben-
bürgischer, sächsischer und rumänischer Märchen (Nr. 98 bzw. 161 und 176) und im Jahre
1904 drei von ihm übersetzte Bände der Märchen der Brüder Grimm in ungarischer Sprache
heraus. Aus der Sammlung Tausend und eine Nacht und aus den farbigen Märchenbüchern