Nachbarschaftshilfe beim ländlichen Hausbau in Mecklenburg
Von Karl Baumgarten
Das ältere Bauernhaus Mecklenburgs ist, soweit bis heute bekannt, ausschließ
lich in Fachwerk errichtet. 1 Blockbauten sind hier durch Ausgrabungen bislang
lediglich für die slawische Zeit belegt. 1 2 Damit war das Haus des mecklenburgischen
Bauern bis ins 19. Jahrhundert weitgehend Werk des Zimmermanns. Doch wurden
stets eine Reihe Arbeiten beim Errichten der Gebäude auch vom Bauern selbst
ausgeführt. Hierbei fand er weitgehend Hilfe durch die übrigen Bewohner des
Dorfes. Belege für solche Nachbarschaftshilfe finden sich unter den von Richard
Wossidlo zusammengetragenen Aufzeichnungen zum mecklenburgischen Volks
kulturgut 3 wie in den Antworten zur Frage 192 c des Atlas der deutschen Volkskunde.
Ergänzungen konnten in jüngster Zeit durch Befragungen älterer Gewährsleute
sowie aus Angaben in heimatkundlicher Literatur und in Archivalien hinzuge
wonnen werden. Insgesamt ermöglicht das vorhegende Material gewisse Aussagen
zu den Erscheinungsformen nachbarlicher Hilfe im mecklenburgischen Dorf, zur
mecklenburgischen Besonderheit solcher genossenschaftlicher Leistungen sowie zur
Deutung der offenbar für Mecklenburg bezeichnenden Variante.
Noch im vorigen Jahrhundert war der mecklenburgische Bauer bei vielen zur
Errichtung seines Hauses oder seiner Wirtschaftsgebäude erforderlichen Arbeiten
der tatkräftigen Hilfe durch seine Nachbarn sicher. Diese Unterstützung reichte
von den Vorbereitungen zum Bau bis zur Vollendung des Hauses. Sie mußte
allerdings von den Nachbarn jeweils erbeten werden. 3 * Ob das in bestimmter tradi
tioneller Form geschah, ist nicht überliefert. Während z. B. von Fehmarn mitgeteilt
wird: „De Bur hett gistern Ehrndag [Vormittag] all de Plogdriewer in Dörp rund
hatt bi sin Nahwerslü: Ick schull gröten von uns Herr, wat se Morgn nich ’n Mann
mit ton Lehm schicken kunn“, 4 heißt es dazu in Mecklenburg meist nur: „Nahwer-
schaft würd anseggt.“ Dabei dürfte im allgemeinen die Hilfe auch tatsächlich von
1 Schon das 19 3 9 in Ramm bei Lübtheen ausgegrabene Haus 2 — ein Hallenhaus des frühen
14. Jhs — wird als Fachwerkbau rekonstruiert werden müssen. Vgl. Fr. Engel, Die Urformen
des Niedersachsenhauses in Mecklenburg. Mecklenburgische Jahrbücher 104 (1940) 115 — 119.
2 Dazu zählen vor allem die Häuser I und II auf der Burgwallinsel Vipperow in der
Müritz. Vgl. A. Hollnagel — U. Schoknecht, Die Burgwallinsel bei Vipperow Kr. Röbel.
Jb. f. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg 1954 (1956) 124—126.
3 Sie wurden von Richard Wossidlo durchweg mit der Kennzeichnung ch (= Cultur-
historisches): Dorf und Hausformen abgelegt.
3a In den Antworten zur ADV-Frage heißt es hierzu: „Die Nachbarn helfen auf Bit
ten“ oder „Es hilft, wer dazu gebeten wird“ o. ä.
4 P. Wiepert, Lehmeibeer un Richelbeer. Die Heimat 34 (1924) 143.