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Volltext: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 8.1962

Besprechungen 
471 
Schafe nach entfernten Weiden und kommen erst später zur Ernte zurück. 1 Dieses Ver 
fahren war in der Vergangenheit bestimmt noch intensiver. In diesem Zusammenhang 
möchte ich den Verf. darauf aufmerksam machen, daß man auch die Sammeltätigkeit beim 
Studium der Struktur der WanderWeidewirtschaft nicht unbeachtet lassen darf. Die Hirten 
sammeln nämlich Pflanzen, die zu den Wildgetreidearten gehören oder essen als Brotersatz 
wilde Knollen und Wurzeln. Das wird schon in den alten chinesischen Chroniken beschrie 
ben, und auch bei den Hirten in den Karpaten, auf der Balkanhalbinsel und bei den asiatischen 
Renntier- und Pferdenomaden ist diese Tätigkeit nicht unbedeutend. 2 Vor kurzem erst 
wies auch J. Chapelle auf die Bedeutung der Sammeltätigkeit bei dem Nomadenstamm der 
Tubu in der Sahara hin. 3 Erwähnen möchte ich auch, daß diese drei Motive der Wirtschafts 
tätigkeit (Schafhaltung — Sammeltätigkeit — primitiver Feldanbau) auch bei den Hirten 
in den Karpaten und auf dem Balkan gleichzeitig vorhanden waren. Wenn wir diese 
Tatsachen in Betracht ziehen, können wir die auch vom Verf. untersuchte Tripolje- 
Kultur unter einem neuen Gesichtspunkt betrachten. Aus seiner Untersuchung geht näm 
lich ganz klar hervor, daß die seßhafte Anbauwirtschaft zugunsten einer Viehwirtschaft mit 
ausgesprochenen Wandertieren (Schaf und Pferd) in der eurasiatischen Kultur allmählich 
zurückgedrängt wurde (S. 115). Auf Grund dieser Feststellung können wir annehmen, daß 
die Feldbauelemente in den heutigen Hirtenkulturen als „Andenken“ einer früher seßhaften 
Lebensweise gelten . . . und nicht umgekehrt. J. eröffnet also ganz neue Perspektiven zur 
Erforschung des Feldbaus und des Hirtenwesens. 
Ich möchte aber bei dieser Gelegenheit noch auf folgendes aufmerksam machen: Man 
sollte bei der Behandlung der indoeuropäischen Frage auch die sprachliche Seite ausführlich 
untersuchen. Gerade durch die sprachlichen Untersuchungen wurde viel Neues über die 
eurasiatische Wanderweidewirtschaft bekannt. Ich weise hier nur auf die vorindoeuro 
päischen und indoeuropäischen Forschungen von J. Hubschmid und D. Thomas hin. 4 
Der Abschnitt über die Standschäferei in der Arbeit J.s ist auch vom wirtschaftsgeschicht 
lichen und soziologischen Gesichtspunkt aus interessant. Der Verf. gibt einen guten Über 
blick über die Gemeindeschäferei und Gutsschäferei sowie über die Einzelschafhaltung. Bei 
der Gruppierung, bei der Feststellung der einzelnen Typen berücksichtigt er hauptsächlich 
das deutsche Material, aber diese Typen bilden auch eine Grundlage zur Systematisierung 
der Formen der Schafhaltung in den Karpaten und auf dem Balkan. Es ist höchstwahrschein 
lich, daß die Gemeindeschäferei im deutschen Gebiet als älteste schäferliche Wirtschaftsform 
anzusehen ist. Die Gemeindeschäferei gilt aber auch im Gebiete der Karpaten als eine sehr 
alte Form, und es besteht auch die Möglichkeit, daß sie in beiden Gebieten (in Deutschland 
und in den Karpaten) unter identischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen 
entstand. 
Reiche gesellschaftsethnologische Gesichtspunkte kommen im Kapitel Schäfertypen vor. 
Die verschiedenen Schäfertypen (Lohn- und Deputatschäfer, Menge- oder Setzschäfer 
usw.) stehen mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland im 
engsten Zusammenhang. In vielen Fällen ist es J. gelungen, den Arbeitskreis und die Auf 
gaben der einzelnen Schäfertypen bis zum Mittelalter hin zu rekonstruieren. Dieses Kapitel 
gibt auch wieder über das Hirtenwesen in den Karpaten und auf dem Balkan Aufschluß; 
denn aus diesen Gebieten sind ähnliche Hirtentypen bekannt 5 , aber ihre historische Ent 
1 Bela Gunda: Telekformäk, települösek es a gazdalkodas kapcsolata a Lapos felsö 
völgyeben (Zusammenhänge der Hofanlagen, Siedlungen und der Wirtschaftsform im 
oberen Lapos-Tal). In: Földrajzi Közlemenyek 69 (Budapest 1941), S. 230 — 246. 
2 Bela Gunda: Plant Gathering in the Economic Life of Eurasia. In: Southwestern Jour 
nal of Anthropology 5 (Albuquerque 1949), S. 369 —378. 
3 J. Chapelle: Nomades noirs du Sahara. Paris 1957, S. 191 —195. 
4 J. Hubschmid: Haustiernamen und Lockrufe als Zeugen vorhistorischer Sprach- und 
Kulturbewegungen. In: Vox Romanica 14 (Bern 1954), S. 184—203; D. Thomas: Animal 
Call-Words; a Study of Human Migration. Carmarthen 1939. 
5 Vgl. T. Herseni: Probleme de sociologie pastoralä. Bucure§ti 1941.
	        
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