Besprechungen
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Schafe nach entfernten Weiden und kommen erst später zur Ernte zurück. 1 Dieses Ver
fahren war in der Vergangenheit bestimmt noch intensiver. In diesem Zusammenhang
möchte ich den Verf. darauf aufmerksam machen, daß man auch die Sammeltätigkeit beim
Studium der Struktur der WanderWeidewirtschaft nicht unbeachtet lassen darf. Die Hirten
sammeln nämlich Pflanzen, die zu den Wildgetreidearten gehören oder essen als Brotersatz
wilde Knollen und Wurzeln. Das wird schon in den alten chinesischen Chroniken beschrie
ben, und auch bei den Hirten in den Karpaten, auf der Balkanhalbinsel und bei den asiatischen
Renntier- und Pferdenomaden ist diese Tätigkeit nicht unbedeutend. 2 Vor kurzem erst
wies auch J. Chapelle auf die Bedeutung der Sammeltätigkeit bei dem Nomadenstamm der
Tubu in der Sahara hin. 3 Erwähnen möchte ich auch, daß diese drei Motive der Wirtschafts
tätigkeit (Schafhaltung — Sammeltätigkeit — primitiver Feldanbau) auch bei den Hirten
in den Karpaten und auf dem Balkan gleichzeitig vorhanden waren. Wenn wir diese
Tatsachen in Betracht ziehen, können wir die auch vom Verf. untersuchte Tripolje-
Kultur unter einem neuen Gesichtspunkt betrachten. Aus seiner Untersuchung geht näm
lich ganz klar hervor, daß die seßhafte Anbauwirtschaft zugunsten einer Viehwirtschaft mit
ausgesprochenen Wandertieren (Schaf und Pferd) in der eurasiatischen Kultur allmählich
zurückgedrängt wurde (S. 115). Auf Grund dieser Feststellung können wir annehmen, daß
die Feldbauelemente in den heutigen Hirtenkulturen als „Andenken“ einer früher seßhaften
Lebensweise gelten . . . und nicht umgekehrt. J. eröffnet also ganz neue Perspektiven zur
Erforschung des Feldbaus und des Hirtenwesens.
Ich möchte aber bei dieser Gelegenheit noch auf folgendes aufmerksam machen: Man
sollte bei der Behandlung der indoeuropäischen Frage auch die sprachliche Seite ausführlich
untersuchen. Gerade durch die sprachlichen Untersuchungen wurde viel Neues über die
eurasiatische Wanderweidewirtschaft bekannt. Ich weise hier nur auf die vorindoeuro
päischen und indoeuropäischen Forschungen von J. Hubschmid und D. Thomas hin. 4
Der Abschnitt über die Standschäferei in der Arbeit J.s ist auch vom wirtschaftsgeschicht
lichen und soziologischen Gesichtspunkt aus interessant. Der Verf. gibt einen guten Über
blick über die Gemeindeschäferei und Gutsschäferei sowie über die Einzelschafhaltung. Bei
der Gruppierung, bei der Feststellung der einzelnen Typen berücksichtigt er hauptsächlich
das deutsche Material, aber diese Typen bilden auch eine Grundlage zur Systematisierung
der Formen der Schafhaltung in den Karpaten und auf dem Balkan. Es ist höchstwahrschein
lich, daß die Gemeindeschäferei im deutschen Gebiet als älteste schäferliche Wirtschaftsform
anzusehen ist. Die Gemeindeschäferei gilt aber auch im Gebiete der Karpaten als eine sehr
alte Form, und es besteht auch die Möglichkeit, daß sie in beiden Gebieten (in Deutschland
und in den Karpaten) unter identischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen
entstand.
Reiche gesellschaftsethnologische Gesichtspunkte kommen im Kapitel Schäfertypen vor.
Die verschiedenen Schäfertypen (Lohn- und Deputatschäfer, Menge- oder Setzschäfer
usw.) stehen mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland im
engsten Zusammenhang. In vielen Fällen ist es J. gelungen, den Arbeitskreis und die Auf
gaben der einzelnen Schäfertypen bis zum Mittelalter hin zu rekonstruieren. Dieses Kapitel
gibt auch wieder über das Hirtenwesen in den Karpaten und auf dem Balkan Aufschluß;
denn aus diesen Gebieten sind ähnliche Hirtentypen bekannt 5 , aber ihre historische Ent
1 Bela Gunda: Telekformäk, települösek es a gazdalkodas kapcsolata a Lapos felsö
völgyeben (Zusammenhänge der Hofanlagen, Siedlungen und der Wirtschaftsform im
oberen Lapos-Tal). In: Földrajzi Közlemenyek 69 (Budapest 1941), S. 230 — 246.
2 Bela Gunda: Plant Gathering in the Economic Life of Eurasia. In: Southwestern Jour
nal of Anthropology 5 (Albuquerque 1949), S. 369 —378.
3 J. Chapelle: Nomades noirs du Sahara. Paris 1957, S. 191 —195.
4 J. Hubschmid: Haustiernamen und Lockrufe als Zeugen vorhistorischer Sprach- und
Kulturbewegungen. In: Vox Romanica 14 (Bern 1954), S. 184—203; D. Thomas: Animal
Call-Words; a Study of Human Migration. Carmarthen 1939.
5 Vgl. T. Herseni: Probleme de sociologie pastoralä. Bucure§ti 1941.