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Volltext: Die Wassergottheiten der finnisch-ugrischen Völker

scheint ausser menschen und tieren hauptsächlich nur das pflan- 
zenreich eine solche zu besitzen. Den namen urt („schattenseele“), 
mit dem die wotjaken sowohl die menschliche wie die tierische seele 
bezeichnen, wenden sie auch an, wenn es sich um die seele des ge- 
treides (d’ü-urt) oder des kornfeldes (busz-urt) handelt. Ebenso wie 
die seele’des menschen nach ihrer auffassung bei dessen erkrankung 
ihren wohnsitz verlässt, glaubt man auch, dass die „getreideseele“ 
mitunter aus dem acker entweicht. Wenn das getreide nach dem 
entschwinden der „seele“ dahinwelkt, muss diese durch bestimmte 
zeremonien möglichst bald zurückgeholt werden. Ebenso wie von 
der seele des menschen heisst es auch von der des getreides, dass 
sie in gestalt eines weissen schmetterlings erscheint. Dem bus?z- 
urt der wotjaken entspricht der tscheremissische. m’landö-ört ("erd- 
seele’), Im dorfe Susada, kreis Birsk hörte ich erzählen, dass, 
wenn .der m’land3-ört das kornfeld verlässt, die dorfbewohner ihn 
auf dem acker mit einem stück brot in der hand anzubeten pfle- 
yen. In seiner darstellung „Beiträge zur Kenntnis der Religion 
and des Cultus der Tscheremissen“ nennt Paasonen noch eine baum- 
seele, pü-Ört.! Trotzdem aber die seele ’eines gegenstandes den 
namen der menschenseele erhalten hat, ist zu beachten, dass man 
sich jene darum nicht als ein dieser gleichartiges wesen vorstellt. 
Die vollständig menschenähnlichen naturgottheiten der finnisch- 
ugrischen völker gehören im allgemeinen einer verhältnismässig spä- 
ten zeit an und werden auch nur bei solchen stämmen angetroffen, 
die dem einfluss eines höher entwickelten volkes ausgesetzt gewe- 
sen sind. Für die vollkommen vermenschlichten naturgottheiten der 
lappen, finnen und esten, die hauptsächlich schutzgeister der land- 
wirtschaft sind, haben Fritzner, Axel Olrik und Kaarle Krohn ger- 
manischen ursprung nachgewiesen;? ebenso stellt sich der mordwi- 
nische menschenähnliche purgine paz (donhergott) als eine litauische 
antlehnung‘ heraus.? Schon der scharfsinnige M. A. Castren, der 
begründer der vergleichenden religionsforschung bei den finnischen 
KSz. II, 208. 
? HT I4, 135—217, DSt, (1905), 39—57, 129—46, (1906), 65—9, FUF VI, 
155—180; OM I, 615—24. 
‘ FUF VI, 165.
	        
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