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Objekt: Zeitschrift für Ethnologie, 72.1940

  
|. Abhandlungen und Vorträge. 
Zur Frage der ethnologischen Untersuchung 
von Hochkulturen. 
Von 
Wolfram Eberhard, Ankara. 
Die folgenden Bemerkungen, die hier zur Diskussion gestellt werden 
sollen, sind aus der Beschäftigung mit dem ethnographischen Material der 
chinesischen Quellen entstanden. Die Ergebnisse dieser Forschungen werden 
in zwei gesonderten Bände vorgelegt werden!). Hier sollen allgemeinere 
Fragen behandelt werden. 
1. 
Wenn man die Volker Hinterindiens, Nord- und Mittelasiens ethnolo- 
gisch untersuchen will, so kann man nur dann zu einem wirklichen Ver- 
stándnis kommen, wenn man die Einwirkungen der Hochkulturen Indiens, 
Vorderasiens und Chinas in Betracht zieht. Dies ist lange erkannt und auch 
getan worden. Aber meist sind die Hochkulturen dabei als etwas Einheit- 
liches und Ganzes aufgefaft worden, das auf die Primitiven als solches 
Ganze einwirkte. Wenn man aber annimmt, daf) auf diese Volker Ein- 
flüsse schon in vorchristlicher Zeit ausgeübt sind, so ist eine solche Einheit- 
lichkeit der Hochkulturen durchaus nicht ohne weiteres vorauszusetzen. 
Die verschiedenen Kulturen, die schließlich, in einem einmaligen 
historischen Prozeß, zu einer Hochkultur zusammengeschweißt sind, wirken - 
in dieser Hochkultur weiter nach, sie bestimmen die Kräfte, die sie aus- 
strahlt, die Richtung, in der sie sich weiter entwickelt und umformt. Ge- 
schichtliche Entwicklung ist nicht etwas Abgeschlossenes, Totes, das hinter 
einer Kultur liegt, sondern etwas Lebendes, das dauernd das Gesicht der 
Kultur weiter beeinflußt. Eine Kultur ist kein Agglomerat von Elementen, 
die irgendwann einmal zusammengeschüttelt sind, sondern wie ein Lebe- 
wesen. Wir kennen die chemischen Elemente, aus denen ein Lebewesen 
zusammengesetzt ist ; trotzdem sehen wir sie in einer gegenseitigen Bindung, 
die unstabil ist und dauernd den verschiedensten Veránderungen ausge- 
setzt, dauernd in Umwandlung ist. Diesen Zustand kónnen wir nur sehr 
teilweise erkennen: wir können erkennen, welchen Einfluß die Vermehrung, 
Verminderung oder Neu-Hinzufügung eines oder mehrerer chemischer 
Elemente auf das Ganze hat, wir können gewisse Schlüsse auf den Ablauf 
des Ganzen und seine Entwicklung ziehen, aber nicht sehr viel mehr. Genau 
so bei Kulturen: wir können die Elemente erkennen, aus denen sie aufge- 
baut sind, und die Wirkung dieser Elemente auf das Ganze. Wir können 
Schlüsse ziehen auf den zukünftigen oder früheren Ablauf der Kultur, wenn 
wir die in ihr wirkenden Kráfte kennen. Eine Kultur ganz zu erkennen 
wird ebenso unmóglich sein, wie ein Lebewesen ganz zu erkennen. 
Es kónnen also Untersuchungen über Einflüsse von Hochkulturen auf 
niedere nur vorgenommen werden, wenn gleichzeitig eine Analyse der be- 
treffenden Hochkultur selbst vorgenommen wird, durch die deren Kräfte 
erkannt werden. Wenn die Ethnologie also die Aufgabe der Erforschung der 
primitiven. Vólker erfolgreich erledigen will, so muß sie sich auch an die 
Erforschung der Hochkulturvólker machen. Eine Trennung dieser beiden 
Arbeitsfelder ist praktisch, aber auch logisch, nicht móglich. 
1) W. Eberhard, Kultur und Siedlung der Randvólker Chinas (Ms. abge- 
schlossen Mai 1939; Teilübersetzung in türkischer Sprache erscheint 1940) und 
,,Lokalkulturen im alten China‘‘. — Die hier angeschnittenen Fragen schlieBen z. T. 
an eine Notiz von mir im ,,Weltkreis‘‘, Bd. III, S. 1—9 (Berlin 1932) an.
	        
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