Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Objekt: Der Erdball, 4.1930

260 
anderes als einst ein früheres 
Querschiff, und der ganze Grund 
riß des gewaltigen einst fünf- 
schiffigen Langhauses liegt in 
Trümmern zu Tage und vermittelt 
eine Vorstellung des einstigen über 
wältigenden Bauwerkes. Immer 
noch ein stattliches Gotteshaus, 
dieser heutige Teilbau. 
In allen den alten Gotteshäusern 
finden wir am Markttage die 
Indianer und Indianerinnen an 
dächtig knieend auf den kühlen 
Fliesen. Da kommen die Kerzen 
zum Vorschein, die sie wohlbehütet 
in Hülsen von Bambus und Mais 
stroh weither geschleppt haben, 
und eine Fülle von Blumen. Da 
liegen verstreut am Boden die 
Netze, Beutel und Satteltaschen, 
die Bündel mit den Kindern, der 
Wanderstab. Stundenlang be 
schirmt die Hand die flackernde 
Kerze vor dem frischen Luftzug, 
der zur Kirche hereinweht. Lange 
Gebete murmeln Mann und Weib, 
endlose Erzählungen in Spanisch, 
und mehr noch in den krächzenden 
Indianeridiomen, so klagen und 
berichten sie ihrem Gotte, bis die 
Kerze niedergebrannt ist. Und 
wenn dann zur Messe die „Damen 
der Gesellschaft“ niederknieen, die 
schwarze Spitzenmantilla auf dem 
Haupt, modern gekleidet, wenn 
uns die Mischung schwülen Duftes 
tausender Lilien, der Wachskerzen, 
des blauen Weihrauchnebels um 
webt, wenn man in den Lichter 
glanz blickt und das monotone 
Singen und Beten der Curas, der 
Priester hört, so könnte man sich 
in Spanien glauben und nicht in 
der Gebirgswildnis Mittelamerikas. 
Geführt von einem freundlichen 
jungen Cura steigen wir hinab zu 
der Krypta, die nach Ueberliefe- 
rung und nach alten Plänen als 
das Grab des Vizekönigs 
erkannt ist. Als Pedro Alvarados 
sterbliche Reste, nicht lange nach 
dem Untergange der ersten Stadt, 
von Mexiko her überführt waren, 
fanden sie eine prunkhafte Grab 
stätte, über der die Kathedrale 
später errichtet wurde. Wir fin 
den das Grabgewölbe eingedrückt, 
halb zusammengebrochen, die 
Steinsarkophage zerschmettert, ein 
paar Wappen nur erkennbar. Im 
Scheine der elektrischen Taschen 
lampe taucht gespenstig eine 
Kreuzigungsgruppe mit Mönch und 
Nonne und den beiden Marien aus 
der unterirdischen Finsternis auf, 
in Stein gehauen, bunt bemalt. 
Empor ans tropisch blendende 
Tageslicht. Wir stehen zwischen 
zerborstenen Bogenhallen, Tauben 
umflattern uns hilfesuchend vor 
herabstoßenden Raubvögeln. Aus 
allen Bogenzwickeln blicken Schloß 
und Löwe von Castillo und 
Leon hernieder, Habsburgs 
Doppeladler, umkettet vom 
Toison de Oro, dem Goldenen 
Vließ. Dazwischen streben riesige 
Bäume mit grellfarbigen Blüten in 
den blauseidenen Himmel. Sie 
haben sich durchgebrochen durch 
die Trümmermassen, denn sie 
haben schon wieder hundertund- 
fünfzig Jahre Zeit gehabt zum 
Wachsen. 
In der ganzen Stadt, die heute 
noch eine gewaltige Oberfläche 
bedeckt, begegnen wir schönen 
Umrahmungen der Türeingänge, 
Löwen, Meerweibern, Fabelwesen, 
geschnitzten Ornamenten der Tür 
füllungen, kunstvollen Türklopfern 
in Messing und Eisen. Wir treffen 
die dichten Rejas, die Gittererker 
in Holz- und Schmiedearbeit genau 
wie im spanischen Mutterlande, 
Säulen und Bogen, Jesuitenkreuze,
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.