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anderes als einst ein früheres
Querschiff, und der ganze Grund
riß des gewaltigen einst fünf-
schiffigen Langhauses liegt in
Trümmern zu Tage und vermittelt
eine Vorstellung des einstigen über
wältigenden Bauwerkes. Immer
noch ein stattliches Gotteshaus,
dieser heutige Teilbau.
In allen den alten Gotteshäusern
finden wir am Markttage die
Indianer und Indianerinnen an
dächtig knieend auf den kühlen
Fliesen. Da kommen die Kerzen
zum Vorschein, die sie wohlbehütet
in Hülsen von Bambus und Mais
stroh weither geschleppt haben,
und eine Fülle von Blumen. Da
liegen verstreut am Boden die
Netze, Beutel und Satteltaschen,
die Bündel mit den Kindern, der
Wanderstab. Stundenlang be
schirmt die Hand die flackernde
Kerze vor dem frischen Luftzug,
der zur Kirche hereinweht. Lange
Gebete murmeln Mann und Weib,
endlose Erzählungen in Spanisch,
und mehr noch in den krächzenden
Indianeridiomen, so klagen und
berichten sie ihrem Gotte, bis die
Kerze niedergebrannt ist. Und
wenn dann zur Messe die „Damen
der Gesellschaft“ niederknieen, die
schwarze Spitzenmantilla auf dem
Haupt, modern gekleidet, wenn
uns die Mischung schwülen Duftes
tausender Lilien, der Wachskerzen,
des blauen Weihrauchnebels um
webt, wenn man in den Lichter
glanz blickt und das monotone
Singen und Beten der Curas, der
Priester hört, so könnte man sich
in Spanien glauben und nicht in
der Gebirgswildnis Mittelamerikas.
Geführt von einem freundlichen
jungen Cura steigen wir hinab zu
der Krypta, die nach Ueberliefe-
rung und nach alten Plänen als
das Grab des Vizekönigs
erkannt ist. Als Pedro Alvarados
sterbliche Reste, nicht lange nach
dem Untergange der ersten Stadt,
von Mexiko her überführt waren,
fanden sie eine prunkhafte Grab
stätte, über der die Kathedrale
später errichtet wurde. Wir fin
den das Grabgewölbe eingedrückt,
halb zusammengebrochen, die
Steinsarkophage zerschmettert, ein
paar Wappen nur erkennbar. Im
Scheine der elektrischen Taschen
lampe taucht gespenstig eine
Kreuzigungsgruppe mit Mönch und
Nonne und den beiden Marien aus
der unterirdischen Finsternis auf,
in Stein gehauen, bunt bemalt.
Empor ans tropisch blendende
Tageslicht. Wir stehen zwischen
zerborstenen Bogenhallen, Tauben
umflattern uns hilfesuchend vor
herabstoßenden Raubvögeln. Aus
allen Bogenzwickeln blicken Schloß
und Löwe von Castillo und
Leon hernieder, Habsburgs
Doppeladler, umkettet vom
Toison de Oro, dem Goldenen
Vließ. Dazwischen streben riesige
Bäume mit grellfarbigen Blüten in
den blauseidenen Himmel. Sie
haben sich durchgebrochen durch
die Trümmermassen, denn sie
haben schon wieder hundertund-
fünfzig Jahre Zeit gehabt zum
Wachsen.
In der ganzen Stadt, die heute
noch eine gewaltige Oberfläche
bedeckt, begegnen wir schönen
Umrahmungen der Türeingänge,
Löwen, Meerweibern, Fabelwesen,
geschnitzten Ornamenten der Tür
füllungen, kunstvollen Türklopfern
in Messing und Eisen. Wir treffen
die dichten Rejas, die Gittererker
in Holz- und Schmiedearbeit genau
wie im spanischen Mutterlande,
Säulen und Bogen, Jesuitenkreuze,