Buchbesprechungen
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Heimatort entfernt verbringen mußten, meist primitiv untergebracht in tristen Schlafhäu
sern. Darüber hinaus verweist er in übertragener Bedeutung auch auf die wechselvolle poli
tische Zugehörigkeit der Saarregion zu Preußen, Bayern, Frankreich, Deutschem Reich und
letztlich zur Bundesrepublik Deutschland. Demgegenüber aber bezeichnet es Harig als eine
der beiden Voraussetzungen zur spezifisch „saarländischen Freude“, daß der Saarländer
„immer zu Hause, und zwar bei sich selbst“ sei 2 . Indes läßt sich Harigs andere Behauptung,
der Saarländer nähme „es mit der Arbeit nicht so ganz genau“ 3 , zumindest mit der in einem
der Artikel erwähnten „Waldschicht“ belegen, die Ende des 19. Jahrhunderts manche Arbei
terbauern auf ihrem täglichen Weg zur Fabrik bei gutem Wetter zuweilen gerne einlegten (S. 62).
Im Gegensatz zu Harigs, freilich ironischer, globaler Nationalcharakteristik lag den 29
Autoren (der Verfasser des Vorworts, Oskar Lafontaine, nicht mitgezählt) primär daran , die
Geschichte der Region von ihrer Angliederung an Preußen und an Bayern nach dem 2. Pari
ser Frieden von 1815 bis zum Anschluß an die Bundesrepublik 1955 musivisch in möglichst
vielen politischen, wirtschaftlichen, sozialen, konfessionellen, alltags- und arbeiterkulturel
len, industriearchitektonischen und städtebaulichen, ökologischen, nationalen und nationa
listischen, antisemitischen, kunst- und literaturhistorischen Aspekten anschaulich werden
zu lassen. Die zahlreichen, sorgfältig gewählten Abbildungen, einige Male auch exkursartig
thematisch zu Bildserien zusammengefaßt, unterstützen dieses Anliegen wirkungsvoll. Die
Textfülle ist übersichtlich in vier chronologisch angeordnete Hauptteile gegliedert: „,Eine
preußische Industriekolonie mit kaplanokratischer Opposition“. Die Zeit der Hohenzollern
1815—1918“; „,Wir halten die Saar!“. Französische Besetzung und Völkerbundsregierung
1918—1935“; „,Deutsch ist die Saar, wär’ sie nur wieder, was sie war!“. Die Zeit des Natio
nalsozialismus 1935—1945“; „,Wir wollten uns selbst regieren“. Militärregierung und auto
nomer Saarstaat 1945—1955“. Jedem dieser Abschnitte ist eine Chronologie der wichtigsten
Geschichtsdaten vorangestellt. Durch offenbar strenge redaktionelle Anweisungen an die
Autoren, sich äußerster Knappheit zu befleißigen und sich strikt an das jeweilige Thema zu
halten, sowie durch „manchen redaktionellen Eingriff“ (S. 13) in die abgelieferten Manu
skripte gelang es dem Herausgeberteam, die heterogene Stil-, Methoden- und Qualitätsmi
schung und die thematischen Überschneidungen einer buchbinderhaften Aufsatzsamm
lung zu vermeiden und ein homogenes Lesewerk zu schaffen, das mit allen Facetten in sei
nen „historischen Miniaturen, exemplarischen Fallstudien, Quer- und Längsschnitten“
(S. 13) schließlich doch einen saarländischen Nationalcharakter spiegelt, ein Lesewerk, „das
einen Beitrag leisten kann zur Konstitution einer saarländischen Identität jenseits einer folk-
loristischen Verkürzung“ (S. 13). So nähern sich die Herausgeber in ihrer Zusammenfassung
(„Die saarländische Sphinx. Lesarten einer Regionalgeschichte“) auch Ludwig Harigs Be
hauptung, der Saarländer sei „immer zu Hause“, indem sie die Heimat des Saarländers als
durch alle politischen Macht Wechsel hindurch bewahrte Utopie des Zuhauseseins zeigen, in
der er seine Identität gegen die äußeren Veränderungen behauptet, „mit sich selbst in Har
monie“ zu leben vermag (S. 272).
Befolgt der Leser die Gebrauchsanweisung am Ende der Einleitung, so wird sich ihm zu
letzt auch Harigs „saarländische Freude“ erschließen: „Zurückgelehnt nun, eine Flasche
Wein geöffnet und das Buch aufgeblättert: Die Entdeckungsreise ins Saarrevier kann begin
nen“ (S. 13).
Nürnberg Wolfgang Oppelt
2 Wie Anm. 1, S. 49.
3 Ebd. S. 44 und öfter.