Die zweite Schlacht von Mag Tured und die keltische Götterlehre. 435
Die zweite Schlacht von Mag Tured und die
keltische Götterlehre.
Von Gustav Lehmacher, S. J., Bonn.
Wer in irischen Quellen keltische Götterlehre sucht, muß von Vertrauens
seligkeit und Zweifelsucht gleich fernbleiben. Im Wörterverzeichnis des
Cormmacc aus dem 9. Jahrhundert sind Göttergeschichten und Göttervorstel
lungen gut erhalten; allerdings wird auch die christliche Auffassung, daß
es sich um bloße Menschen handelt, zum Ausdruck gebracht. (Vgl. Sanas
Cormaic aus dem Buch von Lecan, herausgegeben von Kuno Meyer, Halle
lO^i^Einen Teil ihrer Ursprünglichkeit nahm der Göttersage ihr Einbau
in die im 10. Jahrhundert einsetzende, umfassende Geschichtsklitterei, die
bleibende Gestalt gewann im Lebor Gabäla, dem „Buch der Besitznahmen“
Irlands durch die Stämme der Vorzeit bis herab zu den Gälen. Hier sind die
Götter unter dem Namen Tuatha De Danann die vorletzten menschlichen
Besiedler Irlands, besiegen die Fir Bolgg und werden ihrerseits von den
Gälen besiegt (wie man sich erzählt, ins Innere der Berge und Hügel —
Grabhügel, Elfenhügel — getrieben). Wie viel oder wenig eine Vermensch
lichung dieser Art das alte Bild verändern kann oder muß, kann man sich
vielleicht durch Vergleich mit der germanischen Sage klarmachen. Der näm
liche Snorri läßt die Äsen in der jüngeren Edda als Götter, in der Ynglinga
Saga als Menschen auftreten. Vermenschlichte Götter begegnen uns ferner bei
Saxo Gramaticus. Gleichwohl ist das ursprüngliche Bild nicht so verwischt,
daß wir in dem zauberkundigen König Odin der Ynglinga Saga mit seinen
gezähmten Raben die Gestalt des Götterherrn der Edda nicht deutlich durch
schimmern sehen. Ähnliches gilt in weitem Ausmaß von der irischen Götter
sage. Unverhohlen heidnische Sagen und Lieder, die sich mit den Edden ver
gleichen ließen, finden sich zwar bei den Iren nicht, aber wir besitzen doch
Quellen, die, wenn auch von Afterwissenschaft und christlicher Ängstlichkeit
nicht unberührt, im wesentlichen das heidnische Gepräge sich erhielten.
Mancherlei bietet uns Krause: Die Kelten 2 , im religionsgeschichtlichen Lese
buch von Bertholet, Mohr, Tübingen 1929. Leider findet sich dort nicht
die Geschichte von der Götterschlacht von Mag Tured (bis auf § 33, 123,
162) nach Thurneysen, dem heute noch mit unverminderter Kraft fort
arbeitenden Altmeister der Keltenforschung, dem ich an dieser Stelle für seine
wertvollen Ratschläge danke, „der wichtigste Text des mythologischen Sagen
kreises“ (Zeitschrift für keltische Philologie, XII, 401). Ich glaube, wer die
Erzählung mit einem durch die Lehren Siecke’s, Ehrenreich’s, P. Schmidt’s
geschärften Auge durchmustert, wird diesem Urteil ohne weiteres zustimmen.
1 Die älteren Lesarten von Land 610 und Hy Maine kommen hier nicht in Betracht.