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waren Ziegel- und Dachziegelplatten-Kisten, am wenigsten reine
Erdgräber, die sich auch als die jüngsten erwiesen.
Die bis jetzt noch dunkle Geschichte des kaukasischen Ibe-
riens und der Völker, welche in den frühern Zeiten hier wohnten
oder auch nur vorübergehend dies Land berührten, beginnt sich
durch unsere diesjährigen Untersuchungen etwas aufzuhellen ; schon
im vorigen Jahre (1871) kamen wir zu der Ueberzeugung, dass das
Leichenfeld von Samthawro einer Völkerschaft angehöre, welche in
sehr naher Beziehung zu Aegypten gestanden hat, und nebst com-
merciellen Verbindungen auch viele Glaubensformen mit Aegypten
gemein gehabt zu haben scheint. Glauben und Gebräuche weisen auf
Phönizien und besonders Karthago hin, mit welch’ letztern es auch
die Volks- und Personennamen, ja selbst die Städtenamen theilt.
Es ist nun durch unsere diesjährigen Arbeiten gelungen, nach-
weisen zu können, dass das Leichenfeld von Samthawro dem iberi-
schen Volksstamme Cheta-Karthli angehört und, dass diese Iberier
dem alten Baalculte mit allen seinen Gebräuchen und hauptsächlich
den Menschenopfern huldigten. Insbesondere aber ergab sich aus
den Ausgrabungen dieses Jahres, dass der genannte Volksstamm,
wahrscheinlich nach dem Einfalle der Skythen in Iberien und vor
der Besetzung des Landes durch die Macedonier unter Azon, seine
Leichen nicht mehr begrub, wie die grusinische Chronik !) sagt,
„Sondern sie verspeiste!“ Die Leichen wurden freilich grössten-
theils gekocht oder gebraten verspeist, aber im Gegensatze zur
Chronik, die da sagt: „nicht begrub“, sind hier, wie fast jedes
Grab lehrt, die Knochen sehr sorgfältig von dem Fleische gereinigt
und den Gräbern mit allem cultlichen Ceremoniell beigesetzt worden.
Das Schauderhafte aber, was diese Gräber uns zeigen, ist, dass nie
sine Leiche allein, sondern stets mehrere, selten weniger wie drei,
verspeist wurden, ja dass häufig die Zahl der verspeisten Leichen
in einem Grabe bis auf 12, sogar bis auf 20 steigt.
Es mussten daher bei Jedem, der eines natürlichen Todes ge-
storben, stets auch mehrere Menschen als Opfer fallen, die ihres
gesunden Fleisches halber nebst der gestorbenen Person zum canni-
Aikdemieun— en
‘) S. Brosset Histoire de la Georgie I. pag. 31, woselbst es heisst, dass
die allgemeine Sprache die armenische gewesen sei, ein Beweis, dass die Ar-
menier Alles, wie die Griechen, sich anzueignen suchten; die Sprache war iberisch,
verwandt mit der phönizischen, und dürfte dieselbe sein, welche man als Sama-
ritanersprache mit ihrer Schrift kennt. (? Anm. der Red.)