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Volksdichtung in Geschichte und Gegenwart
die traditionelle Vokal- und Instrumentalmusik seit dem 19. Jahrhundert in zunehmen
dem Maße zunächst schriftlich, in unserem Jahrhundert auch akustisch aufgezeichnet.
Die schriftlichen und akustischen Fixierungen der Volksmusik, die millionenfach erfolg
ten, fanden Aufnahme in Archiven. Ein nicht unbeträchtlicher Teil wurde inzwischen
auch publiziert. Diese handschriftlichen, gedruckten und akustischen Aufzeichnungen
bildeten die Grundlage für neue Aufführungen der Volksmusik in den verschiedensten
Formen - quasi originalgetreu, bearbeitet, stilisiert, weiterentwickelt etc. Als Folge der
Schriftlichkeit ist heute die Volksmusik nahezu aller Völker für jedermann an jedem
beliebigen Ort der Welt zumindest potentiell zugänglich und verfügbar. Damit wurden
die sozialen, ethnischen, regionalen und funktionalen Bindungen und Begrenzungen, die
für das erste Dasein der Volksmusik charakteristisch waren, aufgehoben. Neue Formen
der Aufführung und Vermittlung entstanden und wurden genutzt, Funktionen und
Rezeptionsmöglichkeiten veränderten sich und näherten sich derjenigen von Literatur
und komponierter Musik an. Hier einige Stichworte zu den Problemen.
Singen und Spielen von Volksmusik ist heute nicht mehr eine Angelegenheit von
vielen, sondern nur von wenigen Menschen einer sozial-ethnischen Gemeinschaft, die
dies z. T. auch nur professionell tun. Die Hörer andererseits verfügen in der Regel nicht
mehr über ein aktives Wissen von der Volksmusik auf Grund von lebendiger Anschau
ung und eigener Praxis, so daß sie diese nur mehr oder minder passiv rezipieren können.
Eine intakte Kommunikationsgemeinschaft und Perzeptionsgrundlage besteht für sie
nicht mehr. Zwischen Produzenten und Konsumenten der Volksmusik ist eine Trennung
entstanden, wie sie für die Aufführung und Perzeption der sogenannten Kunstmusik seit
langem charakteristisch ist.
An die Stelle des Musizierens für sich bzw. seine eigene sozial-ethnische Gemeinschaft
trat mehr und mehr die Aufführung, genauer die Darbietung der Volksmusik für ein
gleichsam anonymes Publikum, das sogar zu anderen Ethnien oder Nationen gehören
kann. Die Form der Darbietung - in der Regel auf großen Bühnen - führte dazu, daß
man umfangreiche Ensembles bildete, einige Typen von Volksmusikinstrumenten fami
lienmäßig ausbaute, viele kurze Formen der Musik additiv zu zeitlich ausgedehnten
Suitenfolgen zusammenfügte etc., d. h. die Aufführungspraxis der Volksmusik voll
ständig veränderte.
Wichtig scheint ferner, daß man sich häufig nicht auf die Ausführung der Musik des
eigenen Volkes beschränkt, sondern sich auch mit der Musik anderer Völker beschäftigt.
Sowohl professionelle Interpreten als auch Amateure verfügen heute nicht selten über
ein internationales Repertoire. So gehört es auch zu den Selbstverständlichkeiten, die
uns nicht mehr erstaunen machen, daß wir beispielsweise Volksmusik Lateinamerikas
oder Asiens fast täglich hören oder durch Auftritte von Ensembles aus Ländern dieser
Teile der Welt auch sehen können.
Auf äußerst vielfältige Weise erfolgt heute insgesamt die Vermittlung der Volksmusik,
unsere Konfrontation mit ihr. Und entsprechend unterschiedlich sind auch die Möglich
keiten und Bedingungen für ihre Rezeption. Folgende Vermittlungs- bzw. Rezeptions
formen lassen sich unterscheiden: 1. Eigenes Musizieren, basierend auf Lernen durch
Selbststudium, in Singegruppen, in der Schule etc.; 2. Rezeption durch Hören und Sehen
von Aufführungen in Jugendklubs und Theatern, bei Festivals oder auch im Fernsehen;
3. Rezeption nur durch Hören von Wiedergaben im Radio und auf Schallplatten;
4. Rezeption durch Lesen.