GLOBUS .
ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER - und VÖLKERKUNDE .
VEREINIGT MIT DEN ZEITSCHRIFTEN : „ DAS AUSLAND“ UND „ AUS ALLEN WELTTEILEN“ .
HERAUSGEGEBEN VON H . SINGER UNTER BESONDERER MITWIRKUNG VON Prof . Dr . RICHARD AND REE .
VERLAG von FRIEDR . VIEWEG & SOHN .
Bd . LXXXVIII . Nr . 5 . BRAUNSCHWEIG . 3 . August 1905 .
Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet .
St . Matthias und die Inseln Kerue und Tench .
Von R . Parkinson . Ralum .
Nördlich von der Neu - Hannover - Gruppe liegen drei Inseln , die bisher nur oberflächlich bekannt waren . Die eine von ihnen , St . Matthias , habe ich vor einigen Jahren besucht , und das Ergebnis meiner Beobachtungen ist im „ Globus“ veröffentlicht worden ; die beiden anderen gegen , Kerue und Tench ( diese Bezeichnung ist richtiger als Squally ) , waren bisher noch gänzlich unbekannt , und kein Weißer hat sie meines Wissens bisher betreten . Auf einer Reise in jener Gegend im April dieses Jahres hatte ich Gelegenheit , alle drei Inseln zu besuchen , und den Lesern des Globus gebe ich hiermit einen kurzen Auszug aus meinen Beobachtungen .
Wir waren mit dem Schoner „ Nugarea“ am 18 . April frühmorgens von Nusa , Nord - Neu - Mecklenburg , fahren und hatten bereits am Nachmittag die Insel Tench ( Squally ) in Sicht . Dabei konnten wir zunächst die achtung machen , daß die Lage der Insel auf den Karten nicht genau ist . Ich will hier sofort einschalten , daß nach einer Ortsbestimmung , die am folgenden Tage macht wurde , die Lage annähernd 150°38 / ö . L . und 1° 48' s . B . ist . Die Insel an und für sich ist von geringer Ausdehnung und wird nicht viel über 150 ha umfassen . Sie ist eine flache , gehobene Koralleninsel , auf allen Seiten von Riffen umgeben und mit einer dichten Vegetation bedeckt ; Kokospalmen sind nicht in großer Anzahl handen , und die Nahrungsmittel der Eingeborenen müssen in der Quantität recht beschränkt sein . Die Früchte des Pandanusbaumes und des Inocarpus dienen neben der Kokosnuß als Nahrungsmittel , daneben sehr kleine knollen und verschiedene Waldfrüchte . Der tum des umgebenden Meeres scheint einen nennenswerten Beitrag zum Lebensunterhalt zu liefern .
Als wir bis dicht vor die Insel gingen , fuhren uns einige Kanus entgegen , deren Insassen zu scheu waren , um längsseits zu kommen ; ihre Habsucht trieb sie jedoch dazu , sich so weit zu nähern , daß sie auf einer langen Stange einen geflochtenen Korb heranreichen konnten , um die ihnen gespendeten kleinen Geschenke in Empfang zu nehmen . Da es mittlerweile Abend wurde , stachen wir in See und näherten uns am folgenden Morgen abermals der Insel . Ich ließ dicht unter Land beide Boote ins Wasser und schickte mich dann an , mit einer guten deckung den Insulanern einen Besuch abzustatten . Die uns entgegengekommenen Kanus begleiteten uns vorsichtig in einiger Entfernung . Eine Landung war jedoch zunächst nicht ratsam . Zwar winkten einige Insulaner einladend uns zu , eine große Anzahl der Leute hielt jedoch lange Lanzen in drohender Haltung , und wer nicht im Besitz Globus LXXXVIII . Nr . 5 .
solcher Waffe war , hielt mehrere Korallen wurfstücke in den Händen , um uns damit zu bewerfen . Eine ständigung war unmöglich , weder die Sprache von St . Matthias noch von Neu - Hannover und Neu - Mecklen - burg war ihnen bekannt . Nachdem etwa eine Stunde lang durch Zeichen parlamentiert worden und es gelungen war , einige ältere Leute ans Boot zu bringen , denen ich Geschenke einhändigte , schien man sich an Land von unserer Ungefährlichkeit überzeugt zu haben , und ich ließ beide Boote durch die Brandung an den sandigen Strand gehen . Sofort waren wir umringt , und es wurde die neue Freundschaft durch reichliche Verteilung von Glasperlen und anderen Kleinigkeiten möglichst befestigt . Dennoch sahen die Leute nicht vertrauenerweckend aus . Die Lanzenträger hielten sich zwar in einiger nung , und den Übrigen nahm ich die Wurfgeschosse ab , dennoch war es mir klar , daß äußerste Vorsicht notwendig sei . Ich hatte vom Schiffe aus bemerkt , daß die borenen alle aus einer bestimmten Richtung kamen , und hier das Dorf vermutend , formierte ich nun mein Gefolge und schritt am Ufer entlang nach jener Richtung zu . Die Boote wurden unter guter Bedeckung wieder über die Brandung hinausgebracht .
Die ganze Bevölkerung , etwa 150 Seelen , hatte sich mittlerweile eingestellt . Die Männer sind von größe , recht kräftig gebaut , von dunkelbrauner farbe , ohne alle Bekleidung . Die ganze männliche völkerung , einschließlich der kleinen Knaben , war schnitten ; die Beschneidung muß demnach in der ersten Jugend ausgeübt worden sein . Obgleich die Insulaner wohl als Melanesier zu bezeichnen sind , ist dennoch eine starke mikronesische Beimischung bemerkbar , die sich bei vielen Individuen durch lockiges , in einzelnen Fällen fast völlig straffes Haar kennzeichnet . Charakteristisch ist die Barttracht der älteren Männer , darin bestehend , daß der Kinnbart zu zwei bis vier langen , gedrehten Locken angeordnet ist , die bis zum Nabel reichen , gewöhnlich jedoch an den Enden mit einer Schnur zusammengebunden sind , während diese um den Hals geknüpft ist . Kopf - und Barthaar sind völlig schwarz , und eine Einreibung mit Kalk findet nicht statt . Die Zähne aller sind , weit sie vollständig , blendend weiß und verraten , daß der Betelgenuß ihnen unbekannt ist . Die Weiber sind kleiner und heller als die Männer und zeigen den mikronesischen Typus kräftiger ausgebildet . Sie tragen als Bedeckung eine gewebte Bastmatte , verraten also schon dadurch den mikronesischen Einfluß . Leider ging mir durch die Nachlässigkeit eines Trägers der erstandene Webe -
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